Say Hi to Magen- und Darmspiegelung

by Marius on 25. November 2009 · 7 comments

Seit Wochen war mir kotzübel. Zum Frühstück wählte ich Haferschleim, ich ging mittags nicht mehr essen und trank keinen Alkohol mehr. Und zwischendurch immer wieder Kamillentee. Aber es wurde nicht besser.
Als ich dann während eines Meetings geschlagene 2 Stunden das Gefühl hatte jeden Moment über den runden Tisch vomitieren zu müssen, und die anwesenden Kollegen langsam aus meinem immer kleiner werdenden Sichtfeld verschwanden, wählte ich den Weg zum Arzt.

Ultraschall unauffällig, Medikamente brachten keine Besserung. Dann kam der Arzt mit der besten aller Ideen um die Ecke, einer Idee, die jedem Patienten die Freudentränen in die Augen treibt, nämlich eine Überweisung zu einer Magen- und Darmspiegelung, auch Gastroskopie und Koloskopie genannt. Hurra, ich hatte wohl das große Los gezogen.

Mit blendender Laune hüpfte ich nach Hause, ich konnte es kaum abwarten einen möglichst raschen Termin für diese Königin unter den Untersuchungen zu vereinbaren.

Für eine solche Qual muss man in der Stätte des Grauens zunächst einen Besprechungstermin wahrnehmen. Eigentlich wird dort gar nichts besprochen, der einzige Zweck dieses Besuches war das Aushändigen einer Packung Abführmittel, das auf den putzigen Namen „Moviprep“ hörte. Endlich zum Film.
Für die Einnahme dieses Abführmittels gibt es wichtige Regeln, die man sich in Form eines vom Arzt ausgehändigten DIN A4 Zettels an das schwarze Brett hängen kann. Am Vortag der Untersuchung gegen Mittag eine letzte leichte Mahlzeit, um 17 Uhr den ersten Liter Abführmittel, danach noch 2 Liter Wasser trinken. Nachts um 4 Uhr den zweiten Liter Moviprep, danach innerhalb einer Stunde noch einen Liter Wasser trinken. Das ist ja einfach. Dachte ich.

Als ich mir um kurz vor 17 Uhr den ersten Liter Moviprep anrührte, ahnte ich schon, dass hier kein kulinarischer Hochgenuss auf mich zukommen würde. Das erste Glas trank ich auf Ex, den Abgang empfand ich als widerlich, ich musste leicht würgen. Moviprep meldete an meine Geschmacksnerven eine Mischung aus Salzwasser, Süßstoff und Zitronenaroma, die Konsistenz erinnerte mich an Spülwasser.

Aber gut, nicht lang schnacken, Kopp in´ Nacken, ich wollte es schnell hinter mich bringen und kippte die restlichen 3 Gläser unter zwischenzeitlichem Ekelwürgen mit zugehaltener Nase auf Ex hinterher. Das wäre geschafft. Die beiden Liter Wasser danach waren dagegen eine wahre Wohltat. Wasser, lecker. Nach diesen drei Litern Flüssigkeit innerhalb sehr kurzer Zeit, fühlte ich mich wie im 9. Monat schwanger, mein Bauch war eine Kugel. Und dann wartete ich auf die Entbindung.

Irgendwann setze erhöhte Temperatur ein und leichter Schüttelfrost gesellte sich dazu. Vielleicht war dies die letzte Hoffnung meines Körpers, diese unerwünschte Untersuchung doch noch zu vermeiden, indem er eine Krankheit vortäuschte. Aber ich lies mich nicht verarschen.
Apropos verarschen, nach ca. 20 Minuten hatte ich keine Zeit mehr in meinen Körper hinein zu horchen, es war WC Time. Die nächsten 3 Stunden verbrachte ich gemütlich auf der Toilette, wo ich die erste Hälfte meines neuen Buches lesen konnte. Ich empfehle neben einem guten Buch zusätzlich feuchtes Toilettenpapier und Penatencreme. Fragt nicht.

Gegen 22 Uhr war der Spuck vorbei, ich legte mich leicht geschwächt ins Bett, weil um halb vier schon wieder der Wecker für die nächste Runde Moviprep klingeln würde.
Mitten in der Nacht kippte ich also wieder gläserweise Moviprep auf Ex und trank bis um 5 Uhr den weiteren geforderten Liter Wasser, danach durfte ich nichts mehr trinken. Während der zweiten Toilettenrunde schaffte ich dann fast den zweiten Teil meines Buches.

Ich hatte es zwar immer mal wieder versucht, aber es lohnte sich für mich nicht wirklich, mich von der Toilette zu erheben, um mich im Wohnzimmer häuslich einzurichten. Während des Moviprep Films war ich eher froh, rechtzeitig auf dem heimischen Thron Platz nehmen zu können.

Um 9 Uhr machte ich mich dann auf den Weg zu der Stätte, in der sie mit Sicherheit Tarantinos Hostel gedreht hatten. Ehrlich gesagt hätte ich allerdings keine Minute früher das Haus verlassen können, es sei denn mit Windeln für Erwachsene.

Nach gefühlten 2 nervösen Stunden im Wartezimmer, lag ich dann irgendwann für die erste Untersuchung, es war die Magenspiegelung, auf dem Behandlungstisch, um den sich mehrere fürchterliche Foltergeräte gruppierten. Die Schwester stach mir eine Braunüle in die Vene, damit man mir darüber das begehrte Schlafmittel Propofol verabreichen konnte.

Hierzu muss ich sagen, dass ich in der Vergangenheit schon drei Magenspiegelungen gemacht hatte, zwei davon ohne Betäubung. Bei der ersten lief das noch ganz okay, der Gartenschlauch wurde durch den Beißring im Mund in den Magen geschoben, ruhig durch die Nase atmen, versuchen nicht zu würgen, nach 3 bis 4 Minuten war es auch schon wieder vorbei. Nach der ersten guten Erfahrung ohne Betäubung, versuchte ich das beim nächsten mal wieder. Und das war dann eine regelrechte Würgeschlacht mit einem Arzt, der mich permanent anschrie, dass ich doch gefälligst nicht so stark würgen solle. Ich hatte große Lust nach der Behandlung selber mal mit ihm als Patient Gastroentereologe zu spielen. Dann aber bitte nicht so zimperlich, Herr Doktor.

Wegen dieser letzten negativen Erfahrung wollte ich dieses Mal lieber eine Betäubung für die Magenspiegelung, außerdem kam danach ja noch die Darmspiegelung an die Reihe, und für diese Untersuchung wurde ich erst gar nicht nach einer Betäubung gefragt. Eine Betäubung hätte ich also sowieso bekommen, dann lieber gleich zwei.

Ich lag also mit der Braunüle in der Vene im Folterraum und wartete auf den Arzt. Dabei hatte ich Gelegenheit mich kurz mit der netten Schwester zu unterhalten. Um einen kleinen Smalltalk zu starten, fragte ich sie, welches Betäubungsmittel denn verwendet werden würde. “Propofol“, sagte sie.

Propofol, Propofol, das kannte ich doch aus der Presse. Bingo, nach kurzer Überlegung fiel es mir ein, Codewort Michael Jackson.
“Das war doch das Schlafmittel, das Michael Jackson vor seinem Tod bekommen hat, oder?”, fragte ich die Schwester. “Ja richtig, es war zu lesen, dass man vermutet, dass Michael Jackson daran gestorben wäre”, meinte sie. Aha.
Dies ist so die Art von Information, auf die man in gewissen Situationen gerne verzichtet, aber sei es drum. Die Schwester merkte wohl sofort, dass ihre Anmerkung eventuell etwas unpassend war, und schob schnell nach, dass dies hier ja nicht passieren könne.
Bei Propofol könne es passieren, dass die Atmung aussetzten würde, aber dafür gäbe es ja hier Beatmungsgeräte. Bei Michael Jackson wäre das anders gewesen, anscheinend hätte sein Arzt ihn wohl nicht dauerhaft überwacht weil er vielleicht mal auf Toilette gegangen wäre, oder so.

Sie müsse aber gerade nicht aufs Klo und würde mich dauerhaft überwachen. Ich war beruhigt. Viel Zeit darüber nachzudenken hatte ich sowieso nicht, denn unser kleines Gespräch unterbrach der Onkel Doktor mit einer Spritze Propofol in der Hand. Wenn man Propofol so vor sich sieht, weiß man, warum dieses Zeug laut Presseberichten von Michael Jackson als seine Milch bezeichnet wurde. Eben deshalb, weil es weiß wie Milch ist.

Ohne Ansprache setzte der Arzt die Spritze mit Propofol an die in meiner Vene befindliche Braunüle und drückte ab. Zwincker, zwincker, 404 Site not found, 2 Sekunden später war ich im Reich der Träume.

Trotzdem merkte ich im Propofolrausch unterbewusst, dass ich ständig würgen musste, was sich irgendwie komisch anfühlte. Unmittelbar danach war ich auch schon wieder wach und fühlte mich wie der erste Eintrag einer frisch aufgesetzten Website, Hallo Welt.
Wach, schlafen, wach, Propofol ist ziemlich cool und scheint auf Knopfdruck zu funktionieren, faszinierend.

Der erste Teil der Untersuchung war also geschafft. Nun führte man mich in den Nachbarraum, es ging um die Darmspiegelung. Schuhe aus, Hose aus, Unterhose aus, hinlegen, den Zugang für das Propofol hatte ich ja noch in der Vene.

Ich sagte der neuen Darmschwester, dass ich bei der Magenspiegelung schon irgendwie gemerkt hätte, wie ich ständig würgen musste, worauf sie noch einmal 20 ml mehr Propofol in die Spritze aufzog. Das gleiche Spiel, Onkel Doktor setze die Spritze an, Zwincker, zwincker, Fail Whale, weg war ich. Diesmal so richtig, ich habe von dieser Prozedur nicht das Geringste gemerkt, besonders hierbei war mir das sehr wichtig.

Geträumt habe ich unter Propofol im Übrigen gar nichts, und ich habe auch keine Erinnerungen an sexuelle Fantasien. Solche sollen ja gelegentlich als unerwünschte Nebenwirkung auftreten. Ich hoffe sehr, dass dies bei mir nicht der Fall war, nicht während einer Darmspiegelung.

Ich weiß noch nicht mal mehr, wer mich wieder angezogen hat, ich weiß nur, dass mich eine Schwester zu einer Liege führte, auf der ich ein wenig dösen durfte.
Richtig schlafen konnte ich aber nicht, also zog ich mir die Schuhe wieder an und setze mich noch etwas wackelig ins Wartezimmer. Irgendwann bat mich der Onkel Doktor dann zur Besprechung, an die ich mich leider nur noch in Bruchstücken erinnern kann. 2 Runden Propofol hinterlassen eben seine Wirkung.

Da man nach einer solchen Untersuchung selbstverständlich kein Auto fahren darf, und mir plötzlich wieder einfiel, dass ich ja gar kein Auto besitze, trat ich meinen Heimweg zu Fuß an, froh und stolz, diese Untersuchung hinter mich gebracht zu haben.

Das schlimmste an solchen Untersuchungen ist meist das tagelange Kopfkino, das vor einem solchen Termin dauerhaft ausverkauft ist. Nur eben ohne Popcorn.

Welche von beiden Untersuchungen angenehmer im Sinne von weniger schlimm ist, kann ich gar nicht sagen. Von der Darmspiegelung habe ich ü-b-e-r-h-a-u-p-t gar nichts mitbekommen, dafür hat man aber dieses wirklich mehr als lästige Abführmittel Handicap.
Von der Magenspiegelung habe ich unterbewusst das Würgen aufgrund des Schlauches im Rachen mitbekommen, was sicherlich an einer zu niedrigen Propofol Dosierung lag, aber dafür muss man kein Abführmittel trinken und nicht in die Toilette einziehen.

Aussuchen kann man es sich sowieso nicht. Wenn ich es müsste, würde ich beide Untersuchungen wieder machen, das ganze ist im Nachhinein weniger aufregend wie anfangs gedacht. Nur Mut, der Schlauch ist dein Freund.

Weitere Informationen:

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Darmspiegelung, (k)eine schlechte Erfahrung? Hoffnungen, Erwartungen und Erfahrungen aus der Sicht eines Crohn- oder Colitis-Betroffenen. L’endoscopie, une mauvaise expérience? La colonscopia, un’esperienza (s)gradevole? | Morbus Crohn - Colitis ulce
5. Januar 2010 um 15:32

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1 jens [catenaccio] 25. November 2009 um 22:40

schicke geschichte, aber die frage ist nun: alles in ordnung mit dem magen und dem darm?

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2 Marius 25. November 2009 um 23:25

@jens [catenaccio]: danke der Nachfrage. Alles in Ordnung zwar nicht, aber sicherlich etwas, das man behandeln kann.

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3 Peter 26. November 2009 um 11:03

Alter Schwede, eine wahre Horrorgeschichte. Magenspiegelung soll allerdings Horror hoch drei sein.

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4 Marius 26. November 2009 um 20:45

@Peter: Es geht. Bei einem guten Arzt, der nicht dazu übergegangen ist, den jeweiligen Patienten als ein Stück Krankenkassen Chipkarte zu sehen, kann man eine Magenspiegelung recht locker auch ohne Betäubung machen. Das hat bei mir einmal erstaunlich gut funktioniert. Beim zweiten Mal leider nicht mehr. Im Zweifel also lieber schlafend.

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5 ChiliParmer 1. Dezember 2009 um 01:52

Geniale Story, gut geschrieben.
Auf Preise steht du nicht so, hätte aber einen verdient, aber ich hab sehr herzlich gelacht.
Danke.

P.S..: Ich bin für Propopholperfusor auf Langzeitflügen! Da kann man herrlich schlafen, und den Sitznachbarn wecken und bitten dir Spritze zu wechseln… Danke, Sauerstoff kommt von Oben!…

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6 Bruno 2. Januar 2010 um 20:47

Schön geschrieben, werde ich gelegentlich verlinken :-)…

Hier meine Horrorgeschichte:
http://blog.smccv.ch/crohn/col.....troffenen/

Ich muss aber sagen, dass das eine Ausnahme war. Aber heute mit Propofol ist ja eine Darm- oder Magenspiegelung kein Problem mehr. Ausser eben die “Vorbereitung”…

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