Weihnachten haben wir hinter uns gebracht und die Twitter Timeline hat verraten: es ging uns überwiegend gut über die Weihnachtsfeiertage. Wir wurden gemästet, beschenkt und kamen im Kreise unserer Liebsten ein wenig zur Ruhe.
In Athens / Georgia lief es an diesem Heiligen Abend 2009 etwas anders. Der großartige Singer / Songwriter Vic Chesnutt nahm eine Überdosis eines Muskelrelaxan Medikamentes, und fiel daraufhin ins Koma.
Vic Chesnutt, der immer wieder mit Depressionen zu kämpfen hatte, versuchte in der Vergangenheit schon mehrfach sich das Leben zu nehmen, bisher immer erfolglos. Dieses Mal sah es allerdings schlecht um ihn aus.
Am Morgen des 25. Dezembers gab es Verwirrung um den Zustand Chesnutts. Medien vermeldeten seinen Tod, zogen diese Meldung dann aber wieder zurück. Auch in den Twitter Timelines überschlugen sich die Updates. Vic Chesnutt wäre tot, er würde im Koma liegen, man müsse mit starken Hirnschäden rechnen, usw. Sterben war noch nie öffentlicher, war noch nie so voller Vermutungen und Falschmeldungen, wie in der Zeit von Twitter. Aber auch nie zuvor fühlte man sich untereinander näher. Nie zuvor hielten sich vorher fremde Menschen an den virtuellen Händen, hörten Vic Chesnutt Songs und bangten gemeinsam.
Am Abend des 25. Dezembers wurde dann offiziell vermeldet, dass Vic Chesnutt verstorben wäre. Kristin Hersh, eine ihm nahestehende Freundin und Musikerin, die wohl mit Chesnutts Familie im Krankenhaus an seiner Seite weilte, vermeldete über Twitter: he’s gone…so much to go away in a moment.
Obwohl ich schon länger ein Fan seiner Nichte, Liz Durrett, bin, habe ich Vic Chesnutt leider erst vor relativ kurzer Zeit für mich entdeckt. Ich war sofort hingerissen von seiner Musik und seinen Texten. Ich habe seine Alben gehört und seine Videos geschaut. Ich habe mich mit ihm beschäftigt und fasziniert seine Vita gelesen.
Zu Weihnachten habe ich meiner Freundin ein Mixtape geschenkt, auf dem auch der wunderbare Vic Chesnutt Song „Flirted With You All My Life“ zu hören war. Ein Song, in dem Chesnutt sein Verhältnis zum Tod beschreibt, und in dem er feststellt, dass er trotz einiger Selbstmordversuche für den Tod noch nicht bereit wäre. Dieser Song klingt wie eine trotzige Abrechnung mit dem Tod, klingt nach Mut und Stärke.
Am selben Abend, an dem ich dieses Mixtape verschenkte, begeht Vic Chesnutt Selbstmord. Gerade erst bin ich in seine Welt vorgedrungen, nun steht sie still. Für immer.
Vic Chesnutts Selbstmord hat mich über Weihnachten sehr traurig gemacht. Aber auch wütend.
Denn angesichts des Todes von Vic Chesnutt fällt es schwer nicht auch einen Blick auf die Tatsache zu werfen, dass ein Land wie die USA unglaubliche Geldbeträge in ihre vielen Waffen, Soldaten und Militärs steckt, um in fernen Ländern fragwürdige Kriege zu führen, während sich viele Bürger im eigenen Land es sich nicht leisten können, bei Krankheit einen Arzt aufzusuchen oder sich im Krankenhaus behandeln zu lassen.
Auch Vic Chesnutt war ein Opfer dieses unsozialen Gesundheitssystems der USA. Unbezahlte Arztrechnungen in Höhe von über 70.000 Dollar soll er im Laufe der Jahre angesammelt haben, obwohl er selber 500 Dollar im Monat für eine Krankenhaus Versicherung zahlte.
Viel mehr als gesunde Menschen war Vic Chesnutt auf medizinische Unterstützung angewiesen, da er seit einem Autounfall mit 18 Jahren querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzen musste und somit ständig in medizinischer Behandlung war.
Ich glaube nicht, dass es die offenen Arztrechnungen waren, die Vic Chesnutt in den Selbstmord trieben. Es ist nur verdammtes Geld. Wenn man aber wie er seit vielen Jahren im Rollstuhl sitzt, wenn man unter starken Depressionen leidet, wenn man in einem Land lebt, das sein Geld lieber für Waffen und Kriege ausgibt, anstatt es für seine eigenen Bürger zu verwenden, dann kann schon vieles zusammen kommen. Vermutungen sind jedoch nicht angebracht, ich selber weiß viel zu wenig über seine Lebensverhältnisse.
Ich weiß nur, dass wir über Weihnachten einen großartigen Musiker verloren haben und ganz bestimmt einen wunderbaren Menschen. R.I.P. Vic Chesnutt.
Wichtig für seine Familie ist sicherlich die Anteilnahme. Viel wichtiger ist es nun aber seine Platten zu kaufen und Geld zu spenden.

