Immer höher, schneller, weiter, und das Ganze natürlich in Echtzeit. Das Internet erhöht sein Tempo in letzter Zeit immens. In immer kürzeren Abständen gibt es neue Dienste, mehr Funktionen und frische Features. Niemand kann es sich leisten stehen zu bleiben, niemand kann wohlwollend auf bereits Erschaffenes zurückblicken. Stillstand bedeutet Rückschritt im Dot Com Lifestyle.
Auch die User, die all diese neuen Errungenschaften benutzen sollen, kommen kaum zu Atem und müssen permanent am Ball bleiben. Niemand möchte aus dem Rennen fliegen, niemand möchte auch nur kurze Zeit schweigen. Der Erfolgsdruck schaut aus jeder Ecke des Netzes hinter dem Browser hervor und treibt seine Nutzer zur Eile an. Aktualisiere mich!
Wenn du ein erfolgreiches Blog betreiben möchtest, dann musst du regelmäßig und am besten mehrfach täglich neuen Content liefern und neue Artikel veröffentlichen, so die gutgemeinten Tipps der vielen selbsternannten Problogger. Auch deine Twitter Timeline darf nicht schweigen, und vernachlässige auf keinen Fall Facebook und Xing. Zeige dich in allen Social Media Netzwerken so oft du nur irgendwie kannst. Registriere dich, aktualisiere dich, versklave dich.
Und tatsächlich funktionieren solche Maßnahmen aus den Problogger und “Geld verdienen im Internet” Bibeln erstaunlich gut, das habe ich selbst erlebt. Die Anzahl der Besucher auf meinen Blogs ist immer dann gestiegen, wenn ich mehrfach in der Woche neue Artikel veröffentlicht habe. Diesen Mechanismus habe ich zwar noch nicht so richtig durchschaut, aber er funktioniert. Und er ist mir egal. Völlig. Denn das Wettrennen um die Rankings und Charts, die man der Psychohygiene wegen am besten abschaffen sollte, kann uns krank machen.
Als ich noch aktiv Kraftsport, manche nennen es Bodybuilding, betrieben haben, trieb ich mich Abseits des Studios auch in diversen Bodybuilding Foren herum. Dort las ich einmal einen Bericht eines Bodybuilders, der laut seiner eingestellten Bilder mehr Masse, Härte, Definition und weniger Körperfett als 99,999% aller auf diesen Planeten befindlichen Menschen aufwies. Dieser Sportler traute sich aber nicht, sich im Sommer oben ohne in seinen eigenen Garten zu legen, da er Angst hatte, dass Passagiere eines tief fliegenden Flugzeuges ihn sehen und dabei denken könnten, wie schmal und schmächtig er doch wäre.
Verrückt? Na klar, aber nicht wenn du krank bist. Ich kenne die verbissene Hatz der Kraftsportler nach jedem Gramm Muskelmasse und nach Definition, und ich kenne das oft nicht mehr realistische Selbstbild solcher Menschen.
Diese Art der psychischen Störung ist nichts anderes als die der sich zu fett fühlenden Magersüchtigen, nur umgekehrt. Auf der exzessiven Suche nach dem eigenen, sich in einem Teufelskreis befindlichen Ideal, erreicht man seine Ziele leider nie. Man wird unzufrieden und traurig.
Ich bin mir sicher, dass wir diese Art Persönlichkeits- oder Wahrnehmungsstörung auch bald im immer schneller drehenden Internet finden werden. Ich meine damit nicht die schon längst bekannte “Online Sucht”, das ist viel zu unspezifisch, ich meine die exzessive Suche nach dem eigenen Ideal eines ganz bestimmten Dienstes. Twitter, Facebook, das eigene Blog, Last.fm, etc. potentielle Auslöser und individuelle Süchte gibt es viele. Sind wir nicht im Internet vertreten, gibt es uns nicht. Aktualisieren wir uns zu wenig, gibt es uns nur halb und wir sind langweilig. Ein Tweet am Tag geht im grauen Grundrauschen des Internets unter, wir brauchen mehr. Wir müssen auf uns Aufmerksam machen, wir müssen mit unseren Tastaturen schreien, sonst hört man uns nicht.
Warum hast du nur 400 Follower, das ist viel zu wenig, die anderen haben doch auch mehr. Gib Gas. 200 Leser am Tag sind für ein Blog nicht akzeptabel, so kommst du nie in die Blogcharts, so wirst du niemals relevant sein. Der digitale Pimmel besteht aus Followern und Besuchern, tue was, lass ihn wachsen, ziehe alle Register, finde das elektronische Viagra. Jeden Tag aufs Neue.
Es war noch nie leicht jemand zu sein, erst Recht nicht im Internet, wo sich noch viel mehr B-Prominenz tummelt, als im Privatfernsehen. Wo die Grenze zwischen Talkshowlästern und selber auf der digitalen Gästebank sitzen oft nicht mehr erkennbar ist.
Und die Jahre ziehen ins Land und wir twittern immer noch ohne Verstand, aber das ist egal. Es zählt die Anzahl der Meldungen, nicht die Qualität. Das Internet ist kein Platz mehr für Introvertierte. Wir beziehen Stellung in den virtuellen Big Brother Containern und haben es uns schon längst auf den digitalen Talkshow Gästebänken des Privatfernsehers gemütlich gemacht. Aber das merken wir nicht mehr, schließlich sind wir doch die digitale Elite. Wir wissen was, was andere noch nicht wissen, denn wir kommen aus dem Internet. Und wir sind so verdammt stolz darauf.
Slow Down
Ich war noch nie die der konsequent getriebene, selbstdarstellerische Typ Mensch, nicht im real Life, nicht im Internet, und ich hatte auch noch niemals das Gefühl, einen roten Irokesen Haarschnitt tragen zu müssen, nur damit Menschen sich an mich erinnern.
Ich musste noch nie 10 – 15 Mal in der Stunde meine Timeline aktualisieren, um mich gut zu fühlen. Ich mag es im Moment ein wenig leiser, ich finde mich selber sympathischer, wenn ich nicht permanent schreien muss, damit mich jemand hört. Diese Eigenschaft schätze ich auch bei anderen Menschen mehr als vieles andere.
Vielleicht ist das im Internet falsch, vielleicht gehört dort klappern noch mehr zum Handwerk als in anderen Bereichen des sozialen Beisammenseins. Aber warum sollte ich in diesem Internet, das nicht mehr so wie früher ausschließlich abstrakt ist, sondern immer mehr unser reales Leben abbildet, andere Maßstäbe ansetzen als in meinem Offline Leben?
Ich jedenfalls fühle mich gut dabei, im Internet nicht permanent auf Hochtouren laufen zu müssen. Nur so kann ich im Bedarfsfall auch mal einen Gang höher schalten. Und nur so stelle ich sicher, dass der Motor nicht so schnell überhitzt, wie das bei manch anderen Internetkollegen früher oder später der Fall sein wird. Langsam ist das neue Schnell. Finde ich. Das Internet findet das nicht. Aber das macht nichts. Ich bin nicht das Internet.
Um das auszudrücken, und um mich etwas mehr mit dem Thema Langsamkeit zu befassen, bin ich Heute Mitglied im IINDM, dem “International Institute Of Not Doing Much” geworden. Da Manifeste im Internet derzeit sehr modern geworden sind, hat das IINDM selbstverständlich auch eines, das da lautet:
We shall not flag or fail. We shall slow down in the office, and on the roads. We shall slow down with growing confidence when all those around us are in a shrill state of hyperactivity (signifying nothing). We shall defend our state of calm, whatever the cost may be. We shall slow down in the fields and in the streets, we shall slow down in the hills, we shall never surrender!

Getriebene der eigenen Timeline, hört mich an. Ich möchte hier noch einen weiteren Punkt hinzufügen: We shall slow down the Internet.
Ich für meinen Teil gebe nun zurück in die angeschlossenen Funkhäuser, schalte den Rechner ab und werde nun ein wenig aus dem Fenster schauen. Slow down! Niemand liebt dich mehr, nur weil du so toll twittern kannst. Es reicht, dass du es kannst.



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„Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht noch immer geschwinder, als jener, der ohne Ziel umherirrt.“
Der Mensch ist keine Maschine, muss also auch nicht ständig unter Strom stehen oder in irgendeinem Strom treiben.. am Rand ist es auch mal ganz schön
Furchtbar. Und wenn wir uns ausgebremst fühlen, dann fühlt man sich nicht up to date und vorallem haben wir dann das problem, je nach Berufsart, nicht mehr mitreden zu können. Oder doch besser so? Stressen lassen wir uns davon und das auszuhalten währe schon ein schritt zum besten…
die Worte haben mich sehr nachdenklich gemacht und ja …
ich versuch’s, ich will weniger ‘präsent’ sein
will stattdessen versuchen “zu leben” …!
Gruss Norbert
bravo!
Großartiger Artikel, wirklich toll. Ich habe anfang diesen Jahres, quasi als Vorsatz, sowieso beschlossen, alles etwas ruhiger angehen zulassen. So wie es mir passt, nicht, wie es andere wollen. Da passt mir dieser Artikel gerade ziemlich gut in den Kram
Aber der Retweet-Button ist da ander Stelle schon ein bisschen ironisch, oder? *g*
Gehen die ganzen Leute eigentlich keinem Job nach, der sie daran hindert, ihre Online-Ich’s am Dauerlaufen zu halten?
@Marco: Danke! Nein, ironisch ist der Retweet Button nicht. Mittlerweile finden Reaktionen zu Blogartikeln zu einem großen Teil auf Twitter statt, und nicht mehr so häufig in den Kommentarbereichen. Das ist schade, aber es ist eben so. Von daher ist und bleibt Twitter interessant.
Es ist ja auch nicht so, dass ich Twitter nicht mögen würde, im Gegenteil. Nur möchte ich nicht, dass Twitter und die vielen anderen Dienste zu einer Art Freizeitstress ausarten. Genau das sehe ich aber bei anderen, die es sich nicht mehr erlauben wollen oder können, mal einen Tag nicht zu twittern und ihre Nase in die Internetstreams zu halten.
Jeder muss selber wissen wie er mit solchen Medien umgeht, wann es noch Spaß macht und wann es zu einer Art Stress wird. Solange ich einen Account privat betreibe, sollte bei mir kein Stress stattfinden. Davon habe beruflich schon genug.
Wer zu schnell dreht, dreht irgendwann durch! Toller Artikel, danke.
Ich habe mir ja für 2010 auch eine gewisse Entschleunigung vorgenommen. Interessant, poste ich ein paar Tage keine Beiträge, hat das keinen Einfluss auf die Zahl der Besucher. Abgesehen davon ist Nichtstun eine herrliche “Beschäftigung”.