Your Dead Space

by Marius on 12. Januar 2010 · 2 comments

Irgendwann in den (20)20er Jahren merkten die Netzbenutzer, dass ein gewaltiger Widerspruch darin bestand, seine eigenen, teilweise sehr privaten Daten in Social Media Netzwerke zu pumpen, und im Gegensatz dazu endlich wirksamen Datenschutz zu fordern. Diese beiden Dinge waren nicht miteinander vereinbar, das wusste man nun, nach langen Jahren des Experimentierens. Private Informationen waren ab dem Zeitpunkt der Übergabe an das Internet nicht mehr privat, sie waren nahezu öffentlich verfügbar.
Die Strategie der Firma Facebook, für immer weniger Datenschutz zu plädieren, begann schon im Jahre 2010, als man dort die Annahme, dass die laschere Einstellung zur Privatsphäre ein gesellschaftliche Trend sei, auch gleich technisch umsetzte. Dies war der Startschuss zu einem Aufweichen von immer mehr Pricacy Einstellungen. Private Profile konnte man irgendwann überhaupt nicht mehr zuverlässig vor fremden Blicken schützen, was Anfangs noch zu Protesten, und in der weiteren Folge dann zum Aussterben der jeweiligen Dienste führte.
Die Social Media Bewegung nahm immer weiter ab, bis sie irgendwann im Laufe der (20)30er Jahre vollständig zum erliegen kam. Ein gesellschaftliches Umdenken in Sachen Privatsphäre war vollzogen.

Sobald ein weiteres Social Media Unternehmen der guten alten Pionierzeit mangels Interesse der User seine Pforten schloss, kaufte der Netzmonopolist namens “Great Organisation Of Global Life Enhanced” die brachliegen Server, und somit auch die darauf befindlichen Daten und Profile, für einen symbolischen Betrag auf.
Im Jahre 2100 war niemand mehr der damaligen Social Media Benutzer am Leben, und “Great Organisation Of Global Life Enhanced”, die Firma, die schon immer das Credo hatte, alle Informationen dieser Erde öffentlich verfügbar zu machen, entschied sich dafür, alle gespeicherten Informationen, Mails, persönliche Nachrichten und Profile aus dem Social Media Zeitalter in einem speziellen, für jedermann verfügbaren Cloudbereich zu veröffentlichen. Diesen Bereich nannten sie “Your Dead Space”, das soziale Netzwerk der Toten.

An der Schwelle zum Jahre 2101 hatte die Menschheit nun plötzlich Zugriff auf Milliarden von Profilen, die früher einmal solch bizarren Diensten wie MySpace, Facebook, LinkedIn, Xing oder Twitter zugeordnet werden konnten. “Great Organisation Of Global Life Enhanced” war ohne großen Aufwand dazu in der Lage, nahezu alle Profile, Mails und sonstige Informationen einer natürlichen, mittlerweile verstorbenen Person zu zuordnen. Waren bestimmte Informationen in keinen Zusammenhang zu bringen, rief man die User dieser Suchmaschine des sozialen Netzwerks der Toten dazu auf, Struktur in die Datenbestände zu bringen. Auf diese Weise fügten sich in kurzer Zeit auch extrem anonymisierte Informationen zu Profilen der damals aktiven Benutzer zusammen.
Das Schnüffeln in Profilen verstorbener Social Media Menschen wurde zu einem neuen Trend. Mit nur wenigen Datenbewegungen erstellte man sich neue Gruppenprofile, indem man einzelne zusammenführte, man nahm teil an den größten Momenten, den intimsten Erlebnissen und dem banalen Alltag einer früheren, fast 100 Jahre alten Generation.

Diese Daten bildeten eine ungeheuer wertvolle Wissensquelle. Man versuche herauszufinden, wie die Generation von damals tickte, welche Gewohnheiten und Umgangsformen sie hatte, welche Ausdrücke sie verwendete, von was sie lebte, was sie kaufte, wie sie arbeitete, was sie antrieb und welche Probleme sie hatte. Niemals zuvor hatte eine Generation so derart detaillierte Informationen über ihre Vorgänger, niemals zuvor konnte man so genau analysieren, wie eine frühere Gesellschaft funktionierte.

Ihre eigenen Datenlecks waren schon lange geschlossen – längst existierte Soft- und Hardware, die absolut keine Lücken mehr zuließ – aber man fragte sich natürlich, warum diese, für die damalige Zeit sicherlich riesig erscheinenden Datenbestände, plötzlich der Öffentlichkeit in Gänze zugänglich gemacht werden konnten.

Anhand von Aufzeichnungen konnte man nachvollziehen, dass es zu dieser Zeit durchaus Mechanismen gab, sie nannten sie DRM und Verschlüsselung, welche den unautorisierten Zugriff auf Daten verhindern sollten. Man lernte, dass die Menschen zu der damaligen Zeit scheinbar keinen Wert auf ihre Privatsphäre legten, und dass sie scheinbar ohne Bedenken all ihre persönlichen Daten mehr oder weniger anonym erscheinenden Diensten übergaben. Dienste, die trotz existierender Mechanismen zum Schutz von persönlichen Daten, vollständig darauf verzichteten.
Man fand viel heraus über die Leichtgläubigkeit der Datenpioniere, die solche Unternehmen wie Facebook und Konsorten erst möglich machten. Wichtige Fragen, wie zum Beispiel: Wem gehören die persönlichen Daten? Warum gibt es nicht so etwas wie DRM für persönliche Daten? Haben persönliche Daten ein Verfallsdatum oder was passiert nach dem Tod des Benutzers mit seinen Daten?, wurden zu der damaligen Zeit offensichtlich nicht ausreichend beantwortet.

Und wie immer, wenn man einige Generationen zurückblickt, wunderte man sich über deren Gesellschaft mehr, als über seine eigene.

Weitere Informationen:

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14. Januar 2010 um 19:05

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1 Alex 13. Januar 2010 um 19:17

Sehr interessante Utopie (Dystopie), könnte durchaus so werden, ich glaube allerdings an einen noch durchsichtigeren Menschen n der Zukunft, irgendwann werden andere sehen können wo du bist, oh.. scheiß handys.

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