Als ich dabei war wie deutscher Punkrock entstand

Es gibt Menschen für die Musik das ist was aus dem Radio kommt. Okay, vielleicht hier und da mal noch ein Klingelton, oder eine Werbe- oder Serienmelodie aus dem Fernsehen, aber das war es dann auch schon. Für mich sind solche Menschen komisch.
Ich weiß nicht in welcher Phase des Lebens bestimmt wird, in welche Richtung man sich musikalisch entwickelt, oder ob man sich überhaupt näher für Musik interessiert, vielleicht sogar selber welche macht. Ich kann mir nur denken wann dies alles bei mir entschieden wurde. Und das war, als ich dabei war wie deutscher Punkrock entstand.

Unter anderem lebte ich mit meinen Eltern einige Zeit in einem Haus, das eher einen Kommunen- und WG Charakter hatte. Im Keller dieses Hauses gab es einen gut ausgestatteten Proberaum und irgendwie machten damals alle unsere Bekannten Musik. Was gibt es cooleres für einen kleinen Jungen, wenn Bands im Keller Rockmusik machen. Die Antwort lautet: Nichts! Es sein denn man interessiert sich mehr für Mathematik.
Während die Eltern anderer Kinder abends in ihren Eiche Rustikal Wohnzimmern höchstens mal die Vollplayback Hitparade im Fernsehen schauten, wurde bei uns eben richtige Musik selber gemacht. Mit allem was dazugehört. Das ist jetzt im Nachhinein ziemlich cool, hatte aber zu der damaligen Zeit auch irgendwie seine Nachteile. Besonders wenn ich daran zurückdenke wie wenig begeistert ich damals davon war, dass meine Eltern zu den Elternabenden meiner Schule als Hippies verkleidet aufliefen, während alle anderen Eltern völlig normal aussahen. Aber das ist ein anderes Thema und relativiert sich je älter man wird. Relativiert sich? Nein, es schlägt sogar ins absolute Gegenteil um. Normalsein ist nicht mehr das, was man möchte. Unter keinen Umständen.
Einer unserer damaligen Bekannten war ein gewisser Nils Selzer, seines Zeichens Sänger, Frontmann und Komponist der legendären Frankfurter Band Strassenjungs. Kennt ihr nicht? Solltet ihr aber! Denn laut Wikipedia haben die Strassenjungs 1976 die erste deutschsprachige Punk-LP veröffentlicht. Demzufolge waren die Strassenjungs eine der ersten deutschen Punkbands überhaupt und die ultimative, deutsche Antwort auf die Sex Pistols.
Die Strassenjungs waren musikalische Pioniere und Pioniere haben oft das Problem, ihrer Zeit einfach zu weit voraus zu sein. Und das ist wohl auch der Grund warum sich der richtig große Erfolg bei den Strassenjungs nie einstellte. Deutschland war ganz einfach noch nicht so weit für deren Musik. Viele Jahre später entspannte sich der musikalische Zustand in Deutschland ein wenig, und zumindest ehemalige Punks machten mit Fun Punk/Popmusik oder auch Deutschrock das große Geld. Unter dieser Flagge segeln diese Bands auch Heute noch und leben von ihrem Ruf längst vergangener Tage.
Punk hieß früher “Working Class Rock n Roll” und diese Bezeichnung trifft die Musik der Strassenjungs für mich ein wenig besser als einfach nur “Punk”. Punk?
Denn so typisch Punk war es gar nicht, was die Strassenjungs machten. Es war mehr der fordernde, provozierende aber durchaus auch lustige Deutschrock. Aber keinesfalls stupide und billig, wie man ihn ca. 10 Jahre später oft zu hören bekam, sondern musikalisch und besonders textlich sehr wohl auf einem interessanten Niveau. Dies allerdings wusste ich erst sehr viele Jahre später, als ich einige Vergleichsmöglichkeiten hatte.
Besonders solch ein Strassenjungs Album wie “Los!” klingt für mich auch heute noch musikalisch ziemlich frisch.
Zurecht stand früher bei Wikipedia über die Strassenjungs folgendes: “Neben Ton Steine Scherben und Udo Lindenberg müssen die Strassenjungs zu den Pionieren des Deutschrocks gezählt werden”. Genau so sieht es aus. Udo Lindenberg fand ich jedoch schon immer ziemlich langweilig.
Punk war also zu der damaligen Zeit in Deutschland noch nicht so richtig existent, aber mit den Sex Pistols und The Clash schwappte die erste große Punkrock Welle über die raue See nach Deutschland. Deshalb war es auch nur logisch und konsequent, dass die Strassenjungs auch im Vorprogramm für The Clash spielten. Punk Verbindet.
Die Strassenjungs waren sicherlich der größte Trigger der damals entstehenden deutschen Punk Szene und man kann guten Gewissens sagen, dass es ohne diese Band einige etablierte und leider mittlerweile auch ziemlich langweilig gewordene deutsche Punkrock Bands gar nicht erst gegeben hätte. Sogar die Neue Deutsche Welle bezog einige ihrer Ideen unter anderem von den Strassenjungs.
Das ist auf den ersten Blick in zwar ziemlich frech, aber wohl relativ normal. Einen Vorreiter gibt es immer, und diese Vorreiter werden eben gerne angezapft. Mit den Strassenjungs hatte man einen solchen Vorreiter, der eigentlich ein heimliches musikalisches Vorbild für viele war. Da gab es eine Band, die plötzlich eine Menge möglich machte, auch die Bewegung der Neuen Deutschen Welle. Man muss sich nur mal die ersten drei Alben der Strassenjungs anhören um dann staunend auf das Veröffentlichungsdatum zu schauen.
Meine Eltern kannten Nils Selzer, den Sänger, Songwriter und Frontmann der Strassenjungs, und eines Tages lud mich Nils in seine Wohnung in der Frankfurter Kaiserhofstrasse ein. Die Strassenjungs hatten gerade ihre neue und für mich bis Heute immer noch beste Platte “Los!” produziert. Auf dieser Scheibe befindet sich übrigens auch der Song “Der Drummer mit dem Holzbein”, und dieser Drummer, um den es in diesem Song geht, wohnte mit seiner Tochter in der Wohnung direkt unter uns. Wir wohnten mittlerweile im Frankfurter Stadtteil Rödelheim in einer großen Altbauwohnung mit Frankfurter Bad.
Nils Selzer schenkte mir Strassenjungs Aufkleber, Promotion Material und natürlich seine neuste Platte “Los!” mit Autogramm und Widmung. Natürlich war ich restlos begeistert.
Denn wo andere Schulkameraden in der Schule mit ihren neuen 3-streifen Sportschuhen angaben, spielte ich mit meinem Strassenjungs Promomaterial und der von Nils Selzer extra für mich signierten Platte in einer völlig anderen Liga. Auch wenn die anderen nichts davon verstanden. Ich war sozusagen der unfreiwillige langhaarige Punk unter den uniformierten Markenturnschuhträgern.
(Dazu fällt mir gerade ein: Einmal fragte ich einen damaligen Mitschüler und üblen Lacoste Polohemd Popper warum seine weißen Turnschuhe denn so rötlich gefärbte Ränder hätten. Verächtlich antwortete mir der Popperscheitel, dass dies daher käme, da er im Gegensatz zu allen anderen die Schuhe dazu tragen würde wofür sie auch gemacht wären, nämlich zum Tennisspielen. Aha.) Aber zurück zum Thema.

Ich war also bei Nils Selzer zu Hause und er deckte mich Strassenjungs Promomaterial und seiner neusten Platte ein. Ein wenig verunsicherte mich bei diesem Besuch allerdings der weihnachtliche und sehr expressionistische Christbaumschmuck im Hause Selzer. Denn dieser bestand nicht nur aus dem üblichen Lametta, sondern auch aus Kondomen. Ein Produkt für das ich aufgrund meines Alters zum damaligen Zeitpunkt noch nicht so richtig viele Verwendungszwecke hatte. Heute bin ich an dieser Stelle natürlich schlauer und weiß, dass man aus Kondomen nicht nur super Weihnachtsbaumschmuck basteln kann, sondern auch ganz hervorragende Wasserbomben.
Die Platte “Los!” lief ab dieser Zeit bei mir hoch und runter, und zwar nicht nur weil ich sie geschenkt bekommen hatte, nicht nur weil ich Nils Selzer kannte, sondern weil sie mir schon damals richtig gut gefiel.
Später kaufte ich mir auch noch deren erstes Album mit dem Namen “Dauerlutscher”, welches bis zum 31. August 2007 wegen anstößiger Texte auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften stand. Dass eine solche Indizierung in einigen Fällen entscheidend Einfluss auf die Popularität einer Band nehmen kann, wissen zum Beispiel die Ärzte nur zu gut. Bei den Strassenjungs war dies leider nicht der Fall, wie gesagt, es war einfach noch zu früh.
Songs wie “Nachts auf Tour”, “Jet Set Ficker”, “Dauerlutscher” oder auch “Ich brauch mein´ Suff (wie der Spießer den Puff)” dürften den Ausschlag für die Indizierung dieses Kult Albums gegeben haben. “Dauerlutscher” war definitiv verdammt cool, frech und provozierend. Und nicht nur das, es war etwas grundlegend Neues, es war deutscher Punkrock, again, es war Deutscher Punkrock!

Was nach den ersten 3 Platten von den Strassenjungs kam, lag nicht mehr auf meinem musikalischen Weg. Es war die Zeit in der ich andere Musik für mich entdeckte. Es war die Zeit, in der ich jeden Tag neue Bands und deren Musik wie ein Schwamm in mich aufsog. Ich wollte alles wissen was mit Musik zu tun hatte, wollte Bands und deren Hintergründe kennen.
Aber egal was ich auf meinen musikalischen Entdeckungsreisen alles kennen lernte, die Strassenjungs waren definitiv ein großer Teil meiner musikalischen Anfänge. Und nicht nur meiner, die Strassenjungs waren der Anfang deutscher Punkrock, New Wave und NDW Geschichte.

[xrr rating=4.5/10]

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Einer ist immer der Arsch › OKAYFRANKFURT

  2. Also der Nils, der war mal mit einem Werbesong auf einer einer Schreibmaschine beigelegten Schallfolie zu hören. Außerdem hat er “Castle of Doom” geschrieben. Das war kein Punk Rock sondern ein Computer-Spiel für den C64. Es war ein Spiel, welches Nils mit Kassetten für die Datasette auslieferte, – cool.

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