Das erste mal, dass ich mich intensiver mit dem Thema WikiLeaks beschäftigte, war, als ich im April 2010 bei der re:publica in Berlin einen Vortrag des früheren deutschen WikiLeaks Sprecher Daniel Domscheit-Berg hörte.
Mir imponierte dieser in schwarz gekleidete Mann, der dort als Daniel Schmitt auf der Bühne des Friedrichstadtpalasts stand, und rund eine Stunde über WikiLeaks sprach.
Die ruhige und sachliche Art dieser Präsentation, das spannende Thema, seine obligatorische schwarze Kleidung und das Wissen um seinen falschen Nachnamen, also das mysteriöse Gesamtbild, übten auf mich eine gewisse Faszination aus, und ich hatte ein wenig den Eindruck, als würde dort etwas großes, aber irgendwie auch etwas konspiratives geschehen.
Eventuell würden jeden Moment Mitarbeiter eines Geheimdienstes auftauchen und Daniel Domscheit-Berg, der sich damals noch Daniel Schmitt nannte, von der Bühne führen. Natürlich kam kein Mitarbeiter eines Geheimdienstes um Daniel Schmitt von der Bühne zu führen, aber es ist sicher nicht ausgeschlossen, dass welche von ihnen im Publikum saßen. Vielleicht sogar mit Hut.
Diese Aura des Verbotenen, des Revolutionären umwehte WikiLeaks und deren wenige öffentliche Personen von Anfang an. Hier traten einige geheimnisvolle Helden der modernen digitalen Welt den mächtigen Regierungen, Unternehmen und Organisationen kräftig in den Arsch, und zwar mit einer Wucht, die man bis dahin nie gesehen hatte. Glaubte man den Protagonisten, erlebten wir hier eine neue Form des digitalen Arschtretens auf hohem Niveau, ohne selber angreifbar zu sein. Es war ein neuer Zauber, dem man sich als digital und politisch interessierter Mensch nicht entziehen konnte, und dieser Zauber war sicherlich ein großer Teil des Erfolges und der Faszination von WikiLeaks.
Nur knapp ein Jahr später ist der Zauber von WikiLeaks in meiner Wahrnehmung jedoch nahezu vollständig verschwunden. Schuld daran ist sicherlich die Tatsache, dass man derzeit den Eindruck hat, als würde WikiLeaks weitestgehend nicht mehr funktionieren. Auch hat man nicht das Gefühl, dass in absehbarer Zeit eine Besserung in Sicht wäre.
Schuld daran ist aber auch genau der Mann, der damals in Berlin nachhaltig Eindruck bei mir hinterlies, Schuld daran ist auch Daniel Domscheit-Berg und sein Buch Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt (Amazon Partner Link).
In diesem Buch, dass sich stellenweise wie ein Schulaufsatz liest, lässt Daniel Domscheit-Berg wenig Gelegenheiten aus, seinem früheren WikiLeaks Kollegen Julian Assange, dem Mann, der WikiLeaks ein Gesicht gegeben hat, in ein menschlich schlechtes Licht zu rücken.
Das ganze passiert jedoch auf eine recht subtile Art und Weise, da Herr Domscheit-Berg mit dem Zuckerbrot und Peitsche Prinzip agiert. Für 3 schlechte Beurteilungen über Julian Asange, nennt Domscheit-Berg meistens gleich eine gute hinterher, so, dass man dieses Buch nicht auf Anhieb als das erkennt, was es aus meiner Sicht eigentlich ist, nämlich eine persönliche Abrechnung mit seinem früheren Chef, die sich stellenweise auf niedrigem Niveau bewegt und auch gerne mal genau den Teil zu viel an sehr privaten, vielleicht sogar intimen Informationen enthält, den man eigentlich gar nicht wissen möchte.
Zur Einschätzung dieses wie mir scheint mit sehr heißer Nadel gestrickten Buchs, gehört auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Daniel Domscheit-Berg wählte einen Zeitpunkt, an dem WikiLeaks ganz oben in den Medien angekommen war und Julian Assange Schlagzeile um Schlagzeile bestimmte, wenngleich mit WikiLeaks untypischen Themen.
Nicht ganz frei von Zufällen dürfte auch die Tatsache sein, dass Daniel Domscheit-Berg zur Veröffentlichung seines Buches noch etwas anderes in der Öffentlichkeit vorstellen wollte, nämlich sein neues Projekt OpenLeaks.
OpenLeaks muss bekannt gemacht werden und braucht Geld, sein Buch muss bekannt gemacht werden und verdient Geld. Somit schafft Domscheit-Berg als One Man Show eine Win Win Situation für Projekt und Buch.
Folgerichtig bekam man Daniel Domscheit-Berg in den letzten Wochen nur als Themendoppelpack zu sehen und zu hören, mein neues Buch, mein neues Projekt, mein neues Buch, mein neues Projekt. Besser kann Marketing nicht funktionieren. Diese Rechnung ging auf.
Jedoch glaube ich nach der Lektüre von “Inside WikiLeaks”, dass es genau ein solches berechnendes Vorgehen gewesen wäre, dass Domscheit-Berg an Assange als erster kritisiert hätte, hätte Assange sich so verhalten.
Aber gut, man muss wissen, dass wir mit den beiden WikiLeaks Hauptprotagonisten von früher, zwei Männer erleben, die sich im Moment versuchen gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Dies ist mit Sicherheit keine ideale Voraussetzungen, um ein Buch über eine solche Beziehung zu schreiben. Daniel Domscheit-Berg wäre besser beraten gewesen, einige Zeit abzuwarten und sein Gemüt etwas zu beruhigen, bevor er eine solche Abrechnung zu Papier gebracht hätte. Dann jedoch hätte sein Buch durch die Gunst der Stunde nicht mehr so viel Aufmerksamkeit erzeugt, nicht für ihn und nicht für sein kürzlich gestartetes OpenLeaks Projekt.
Von daher sollte vielleicht der Hinweis nicht fehlen, dass man als Leser nicht jede Zeile von “Inside WikiLeaks” für bare Münze nehmen sollte, ganz besonders nicht solche Stellen, in denen über die Charaktereigenschaften von Julian Assange gesprochen wird. Dies sind persönliche Meinungen und Einschätzungen von Daniel Domscheit-Berg, die eventuell mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch entstanden sind.
Ich jedenfalls wurde beim lesen dieses Buches das Gefühl nicht los, dass Daniel Domscheit-Berg in erster Linie eine beleidigte Leberwurst ist, die es nicht ertragen konnte, dass Julian Assange eben der weitaus charismatischere Typ mit einer ganzen Schar Fans ist, während er selber den spröden Charme eines deutschen Beamten versprüht, der es nicht ertragen kann, neben dem neuen Typus eines schillernden Popstars immer nur die zweite Geige gespielt zu haben.
Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht Domscheit-Berg die Figur Julian Assange zu entzaubern und ihm den Status des Popstars zu nehmen. Wohlwissend, dass wir heute Popstars brauchen um eine Sache groß zu machen. Ist der Popstar erstmal als ganz normaler Menschen mit Fehlern und unangenehmen Eigenheiten enttarnt, ist die Aura des Besonderen schnell vorbei. Darauf arbeitet Daniel Domscheit-Berg in seinem Buch gezielt und mit Erfolg hin. Die Entzauberung von WikiLeaks ist Domscheit-Berg grandios gelungen.
In vielen Ratgebern über Bewerbungsgespräche liest man den gut gemeinten Ratschlag, dass man innerhalb eines solchen Gesprächs auf keinen Fall schlecht über seinen früheren Chef sprechen sollte. Nun befindet sich Daniel Domscheit-Berg nicht direkt in einem solchen Bewerbungsgespräch, aber doch ein Stück weit in einer Bewerbungssituation, nämlich in der Situation, dass er im Moment sein neues Projekt OpenLeaks in der Öffentlichkeit bewirbt.
Die Art und Weise wie das mittels seines neuen Buchs vonstatten geht, würde ich mindestens als schlechten Stil beschreiben. Es ist nicht nur die ständige Aufzählung menschlich schlechter Eigenschaften von Julian Assange, sondern auch die Veröffentlichung von Chatprotokollen zwischen Domscheit-Berg und Assange, die ich mindestens unfair, aber vor allem unnötig finde.
Immerhin gab es doch angeblich die eiserne WikiLeaks Regel, dass Chatprotokolle niemals veröffentlicht werden sollten.
Meine Meinung über Domscheit-Berg hat sich nach diesem Buch und einigen Presseauftritten zur Veröffentlichung des Buchs auf jeden Fall stark verändert. Ich würde Daniel Domscheit-Berg keine geheimen Dokumente mehr anvertrauen, nicht ihm und auch nicht seiner momentan entstehenden OpenLeaks Plattform, die zwar so tut, als würde sie selber keine Dokumente entgegennehmen, aber doch irgendwie mit diesen Dokumenten arbeiteten wird, soweit ich das richtig verstanden habe.
Leaks setzen ein gewisses Mindestmaß an Vertrauen voraus, nach diesem Buch hätte ich ein solches Vertrauen in Daniel Domscheit-Berg nicht. Es wäre die notwendige Seriosität, die mir bei ihm nun fehlen würde. “Inside WikiLeaks” beinhaltet ein deutlich zu großes Stück Klatschpresse, das den Namen Daniel Domscheit-Berg trägt. Und wer würde schon der Klatschpresse vertrauensvoll seine geheimen und brisanten Dokumente übermitteln.
Wer so offensichtlich gekränkt nachtritt, wie Daniel Domscheit-Berg es in seinem “Inside WikiLeaks” Buch tut, um direkt im Anschluss daran seine eigene Whistleblower Plattform zu bewerben, dem ist aus meiner Sicht mit großer Vorsicht zu begegnen.
Damit man mich nun nicht falsch versteht: Inside WikiLeaks ist durchaus ein interessantes und lesenswertes Buch. Daniel Domscheit-Berg gibt viele Einblicke in die damalige Arbeit von WikiLeaks und die vielen kleinen Anekdoten sind unterhaltsam. Trotzdem stört mich daran, dass sich der Autor aus meiner Sicht vorrangig das Ziel gesetzt hat, Julian Assange in einem möglichst schlechten Licht dastehen zu lassen und das Konstrukt WikiLeaks, das für soviel Furore gesorgt hat, als völlig überbewertete Plattform beschreibt, die eigentlich nicht viel auf dem Kasten hatte. Selbst wenn all das so gewesen ist, wie Daniel Domscheit-Berg es beschreibt, bleibt bei mir der fade Nachgeschmack des sich nun rächen wollenden Suspendierten zurück.
Wer wirklich an Informationen über WikiLeaks und Julian Assange interessiert ist, wer sich für Julian Assange, die Hintergründe und die Arbeitsweise dieser Plattform interessiert, dem kann ich das hervorragende Buch Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert – Ein SPIEGEL-Buch (Amazon Partner Link) von den beiden Spiegel Journalisten Marcel Rosenbach und Holger Stark empfehlen.
In diesem Buch wird Abseits vom Boulevard und persönlichen Heimzahlungsaktionen hervorragender Journalismus betrieben. Staatsfeind WikiLeaks schlägt Inside WikiLeaks, Journalismus schlägt persönliches Befindlichkeitsschreiben. Und zwar um Längen.



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