Ich bin zwar kein ausgewiesener Radioexperte, aber ich glaube das muss man auch gar nicht sein um festzustellen, dass im öffentlich-rechtlichen Hörfunk seit einigen Jahren ein gewaltiger Kahlschlag stattfindet, der es Menschen mit einem gewissen musikalischem Anspruch zunehmend unmöglich macht, das Radio einzuschalten. Es sei denn man ist Liebhaber einheitlicher Mainstreampampe, die sich in jedem Sender gleich furchtbar anhört.
Nachdem Ende 2008 unter anderem mit der Begründung, der HR3 müsse sein Programm mehr auf die Mitte und den Mainstream fokussieren, mit “Der Ball ist rund” von Klaus Walter einer der besten Sendungen im deutschsprachigen Radio abgeschafft wurde, gab es für mich keinen einzigen Grund mehr, das Radio einzuschalten.
Umso überraschter war ich gestern, als ich folgende Pressemitteilung las:
>> Radio Renner die neue Show auf Bremen Vier
Musik- und Medienexperte Tim Renner moderiert exklusiv die neue wöchentliche Sendung rund um das Musikbusiness. Am Dienstag, 13.März, feiert eine neue Sendung auf Bremen Vier Premiere: Tim Renner startet um 20.00 Uhr mit seiner Show „Radio Renner” und bietet popkulturelles Entertainment in Reinkultur. Immer dienstags von 20 bis 23 Uhr blickt Renner drei Stunden lang vor und hinter die Kulissen des Musikbusiness, stellt neue Songperlen vor und gräbt verschollene Schätze der Popmusik aus.
Diese Pressemitteilung ist für mich eine der seltenen interessanten Meldungen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk betreffen.
Und wie war die erste Radio Renner Sendung?
In der ersten Radio Renner Sendung bekam man viel Musik auf die Ohren, die man normalerweise eher im Internetradio hört. Auffällig viele Songs kannte ich zumindest schon von der ständig rotierenden Playlist des Internetsenders QUU.FM auswendig, aber das ist ja schon mal nicht so schlecht.
Den in der Pressemitteilung angekündigten Blick vor und hinter die Kulissen des Musikbusiness konnte ich in dieser ersten Sendung allerdings noch nicht ausmachen. Aber das kann ja noch kommen.
Tim Renners kurze Moderationen zwischen den einzelnen Songs wirkten auf mich etwas steif und abgelesen, aber von einer ersten Sendung kann man selbst von jemandem wie Tim Renner sicherlich noch keine Meisterleistung in Sachen souveräner und lockerer Moderation erwarten. So etwas wächst von Sendung zu Sendung, da bin ich mir sicher.
Ich freue mich auf jeden Fall darüber, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mal wieder etwas Mut zeigt und eine astreine Autoren Sendung in den Äther schickt.
Mit Tim Renner hat Radio Bremen einen absoluten Musikexperten verpflichtet, der mit Sicherheit stundenlang über Musik, das Musikbusiness und die Musikindustrie sprechen kann, ohne dass es langweilig wird. Und gute Musik wird er ja bestimmt auch auswählen können, der Herr Renner.
Man kann nur hoffen, dass Radio Bremen Tim Renner mit allen notwendigen Freiheiten für seine neue Sendung ausgestattet hat. Sollte dies der Fall sein, darf man in Zukunft sicherlich gute und auch ein wenig unbequeme Sendungen erwarten, die sich deutlich vom üblichen Dudelfunk absetzen werden.
Wer die gestrige Sendung von Radio Renner nachhören möchte, kann das im Bremen Vier Webchannel machen. Dort findet man in Zukunft immer eine Woche lang die aktuelle Sendung in der Dauerschleife. Auch die Playlist zur Sendung kann dort eingesehen werden.

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer flacher wird, und das offensichtlich mit Strategie, fällt mir auch allerorten auf. Insofern war ich zunächst auch verwundert über die Initiative von Bremen Vier. Ich denke, dass hat was mit dem neuen Bremer Sender FluxFM zu tun. Wenn ich mir die Playlist von Radio Renner anschaue, sind das ausschliesslich Tracks, die bei FluxFM laufen oder früher mal gelaufen sind. Mach mal den Test: http://www.fluxfm.de/playlist/. Es scheint fast so, als fürchte man die private Konkurrenz. Vielleicht führt das ja auch in Zukunft auch darüber hinaus zu mehr Offenheit und einem etwas abwechlungsreicheren Programm. Zu hoffen wär’s jedenfalls.