Spotify ist nett – andere Plattformen sind wichtig

Dieses Spotify, das seit ca. einer Woche ganz offiziell auch aus Deutschland funktioniert, ist schon eine tolle Sache. Sie sagen, es wäre eine neue Art des Musikhörens, und so ganz Unrecht haben sie mit diesem Slogan nicht.
Mehr als die Art des Musikhörens, ändern sich durch Spotify jedoch die Möglichkeiten des Umgangs mit Musik.
Musik hatte schon immer auch etwas mit dem tauschen von Musik zu tun, ebenso wie mit der Tatsache, dass wir Musik gerne empfehlen, dass wir Musik gerne unseren Freunden vorspielen, und dass wir unseren Musikgeschmack als Teil unserer Persönlichkeit verstehen und dementsprechend daran interessiert sind, unserem Umfeld mitzuteilen, welche Musik wir mögen.

Aus diesen Gründen ist die mittlerweile nicht mehr obligatorische Spotify Bindung an Facebook konsequent, da wir darüber auf einfache Art und Weise alle diese genannten Möglichkeiten mit einem Schlag über eine bereits etablierte Plattform beisammen haben.

Wir erfahren über Spotify und Facebook welche Musik unsere Freunde und Bekannten hören und welche Songs und Künstler ihnen am besten gefallen. Wir können ihnen Musik empfehlen und vorspielen, und wir können ihnen durch individuelle Playlisten eine auf die schöne neue digitale Welt angepasstes Äquivalent des früheren Mixtapes an die Hand geben.

Man könnte also sagen, dass Spotify der nächste Evolutionschritt in Sachen Musikkonsum wäre. Man könnte sagen, dass wir längerfristig nichts anderes mehr neben Spotify brauchen werden, da wir dort in Zukunft so ziemlich alle Songs finden werden, die wir hören möchten.

Aber irgendwie bin ich mit Spotify trotzdem nicht vollständig zufrieden. Und das liegt nicht daran, dass ich ein notorischer Nörgler wäre, den immer irgendetwas stört. Aber was könnte es sein, das Spotify für mich nicht zum Standardtool des Musikkonsums werden lässt?

Mich stört nicht, dass der kostenlose Spotify Account in seiner Funktionalität begrenzt ist, denn selbst der Spotify Free Account bietet zumindest derzeit schon einen sehr bemerkenswerten Leistungsumfang.
Trotzdem müssten die Damen und Herren bei Spotify ganz, ganz dringend an der überhaupt nicht auf den individuellen Musikgeschmack angepassten Werbung arbeiten.
Wir befinden uns im Internet, da erwarte ich ganz einfach personalisierte Werbung. Alles andere empfinde ich als Belästigung. Wir haben uns artig an Werbung gewöhnt, aber durch das Internet haben wir uns auch an personalisierte Werbung gewöhnt. Wenn wir schon Werbung akzeptieren, sollte sie wenigstens für uns nützlich sein. Alles andere macht unsere Akzeptanz wieder rückläufig.

Auch die Preise, die man für die höheren Pakete wie Spotify Premium und Spotify Unlimited bezahlen müsste, stören mich nicht. Ich finde diese Preise fair und für die gebotene Leistung angemessen.

Auch am Spotify Client oder seiner Benutzerführung habe ich nicht viel zu meckern. Okay, ein bisschen weniger von dieser unschönen Apple Standard-Industrie Optik wäre schön gewesen, aber das ist nichts wirklich Kritikfähiges.
Bemerkenswerter ist da schon die relativ unflexible Suchfunktion, die zum Beispiel bei der Suche nach “Super 700” nichts findet und fragt, ob ich “super 70s” meinte. Nein, meinte ich nicht. Suche ich hingegen nach “Super700” findet Spotify die von mir gesuchte Band super700. Hier muss also nachgebessert werden, weil wir Internetaffen verwöhnte Dauersucher sind.

Ich habe auch nicht übermäßig viel an der derzeitigen Spotify Musikbibliothek auszusetzen. Nach ersten Tests habe ich dort erstaunlich viele Bands gefunden, die ich dort gar nicht erwartet hätte. Andere wiederum, für deren Anwesenheit ich meine Hand fast ins Feuer gelegt hätte, sind dafür noch nicht im Spotify Universum angekommen. Aber das ist nicht so schlimm. Ich gehe davon aus, dass der Spotify Musikkatalog fast täglich wächst und immer weniger Anlass dazu besteht, bestimmte Songs und Künstler zu vermissen.

Auch stört mich nicht, dass meiner Facebook Timeline plötzlich ein nicht gerade zurückhaltender neuer Mitteilungsservice hinzugefügt wurde. Diese Spotify Meldungen kann man sowohl als Sender als auch als Empfänger leicht abschalten, wenn man sie nicht senden oder lesen möchte.

Und auch ganz grundsätzlich stört mich die Digitalisierung von Musik nicht. Im Gegenteil. Ich fange an dieser Stelle sicher nicht an, die romantischen Zeiten der Schallplatten zu bejubeln. Diese sind nun mal vorbei, genauso wie die goldenen Zeiten des analogen Mixtapes. Musik wird heute fast ausschließlich digital konsumiert, und das ist auch gut so, da es gegenüber der früheren analogen Nutzungsweise erhebliche Vorteile hat.

Keine Frage, Spotify macht eine Menge Spaß und man kann sich leicht in diesem riesigen Musikarchiv verirren. Ich habe mit Spotify mittlerweile schon viele tolle Stunden verbracht. Dieser Dienst ist aus meiner Sicht gut durchdacht. An der einen oder anderen Stelle hätte man vielleicht ein wenig mehr für Übersichtlichkeit und Transparenz sorgen können, aber nein, auch in diesem Punkt gibt es nicht wirklich viel zu meckern.

Warum wird Spotify also nicht zu meinem alleinigen Musikuniversalwerkzeug im Netz?
Warum wird trotz der vielen Vorteile ein anderer Dienst im WWW mein Lieblingstool für den Konsum von Musik bleiben?

Nun, das liegt an der so genannten Radioisierung – ein ausgedachter Begriff für den es bis eben keinen einzigen Google Treffer gab.
Radioisierung bedeutet, dass mir 24 Stunden am Tag größtenteils glattgebügelte und sterile Studiotracks vorgesetzt werden, die leider nur einen kleinen Teil der musikalischen Realität abbilden.

Natürlich, wenn ich mir aus meiner persönlichen MP3 Sammlung ein komplettes Album oder auch nur einzelne Songs anhöre, dann klingt das Ergebnis, abgesehen von der Werbung bei einem kostenlosen Account, auch nicht anders, als wenn ich das über Spotify machen würde. Die Diskussion in Sachen Soundqualität möchte ich an dieser Stelle mal außen vor lassen.

Aber meine persönliche Art Musik über das Internet zu konsumieren hat sich durch andere Angebote abseits von Spotify gehörig verändert. Diese Angebote sind Videoportale wie Vimeo aber hauptsächlich natürlich YouTube.

Neben dem visuellen Aspekt von Videos, der mittlerweile untrennbar mit Musik verbunden ist, ist es die Tatsache, die ich so wichtig finde, dass YouTube mir die unglaublichsten Liveversionen von Songs bietet, die man sich überhaupt vorstellen kann. Ich bin nicht so der industrialisierte Konserventyp, ich mag es lieber frisch und roh, also live, dreckig und manchmal auch etwas schräg.
Ich mag es, wenn Musik so eingefangen wird, wie sie gerade gespielt wird. Größtenteils unbearbeitet, ungeschönt, etwas knittrig und mit Bierflecken.

Es gibt nur sehr, sehr wenige Songs, bei denen ich nicht eine gute Live Version der Studioversion vorziehe. Gerne auch zwei bis drei unterschiedliche Live Versionen vom selben Song, der immer wieder anders klingt. Wenn ich zum Beispiel sehen und hören kann, wie Robert Smith von The Cure dieses apokalyptische und niemals enden wollende Gitarrensolo bei The Kiss spielt, dann erst bin ich so richtig glücklich.

Aber das ist noch nicht alles, was mir YouTube in Sachen Musik zu bieten hat.

Ich bin zum Beispiel ein Freund von guten Coverversionen. Nicht erst seit gestern ist es Tradition, dass Musiker, ganz besonders in Livesituationen, Songs anderer Künstler interpretieren. Und diese finden wir nicht bei Spotify, sondern bei YouTube. Zum Beispiel Pearl Jam mit dem Victoria Willimas Cover von Crazy Mary. Oder, um mal ein anderes Musikgenre heraus zu picken, möchte ich nicht darauf verzichten, wie Ben Lee durch den Park läuft und Kids von MGMT auf seiner akustischen Gitarre spielt. Genauso wenig wie auf die “Live With Me” (Massive Attack) Interpretation von The Twilight Singers mit Mark Lanegan.

Durch YouTube kommen wir immer häufiger in die glückliche Lage, Videos von Songs präsentiert zu bekommen, bei denen sich Musiker einfach vor eine Kamera setzen, sich ihre akustische Gitarre schnappen und einen Song zum besten geben. Wie zum Beispiel Chris Cornell mit dem so wundervollen You Call me A Dog.

Und dann gibt es auch immer wieder unglaubliche Kollaborationen auf der Bühne zu bestaunen, die einem den Atem stocken lassen. Wie zum Beispiel Bruce Springsteen der gemeinsam mit seiner Band und Tom Morello den Song The Ghost Of Tom Joad spielt. Wo zu sehen und zu hören? Auf YouTube.

Außerdem finden wir bei YouTube mittlerweile so viele unglaublich gute Aufnahmen von Künstlern, die beim spielen im Studio entstanden sind. Wie zum Beispiel Trixie Whitley mit “I´d rather go blind”.

Auch diese vielen wunderbaren Musikserien, wie zum Beispiel die Black Cab Sessions, bei der sich Musiker dabei filmen lassen, wie sie auf dem Rücksitz eines englischen Taxis jeweils einen ihrer Songs spielen, finden wir im Videoformat und auf YouTube.

Auch wenn Musiker ein Radio- oder Fernsehstudio besuchen, um dort ihre Songs live zu spielen, finden wir die Ergebnisse oft in Videoform. Wie zum Beispiel The Tallest Man On Earth mit dieser sehr schönen Version von “Where Do My Bluebirds Fly” oder Tom Smith von den Editors, wie er Papillon in den MTV Studios spielt.

Aber auch eine solch wunderbar schräge Serie wie Balcony TV, bei der Musiker ihre Songs auf einem Balkon spielen, existieren nur durch Video Portale wie YouTube. Hier als Beispiel Crippled Black Phoenix mit Whissendine.

Oder die vielen anderen Live Situationen, in denen sich Musiker an ungewöhnlichen Orten vor ein kleines Publikum stellen und ganz unglaublich intensive unplugged Sets abliefern, wie zum Beispiel Trixie Whitley mit Daniel Lanois.

Ich könnte noch sehr viele solcher Beispiele aufzählen, in denen wir mit ungewöhnlichen Aufnahmen durch das Internet verwöhnt werden, in denen wir hautnah erleben, was Musik wirklich bedeutet, wie Musik klingt, riecht, schmeckt und aussieht.

All diese wirklich wichtigen und ungewöhnlichen Aufnahmen bieten mir Spotify und Konsorten nicht.

Und weil das so ist, müsste man eigentlich ein Spotify für Musikvideos, sowie seltene Live- und Coverversionen erfinden. Das wäre eine absolute Marktlücke unter Musikliebhabern. Aber diese Marktlücke ist nun mal schon besetzt, und zwar von einem Dienst, der sich YouTube nennt. Und dies ist und bleibt mein bevorzugter Musikdienst. Sofern es die GEMA zulässt.

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