Die Sendung Zündfunk des Bayrischen Rundfunks wollte von Sven Regener (Element Of Crime) ein kurzes Statement zum Thema Urheberrecht haben und bekam einen astreinen Rant, der mittlerweile die bekannte Internetrunde machte. So wie fast alle Rants.
Wer Sven Regeners Band Element Of Crime kennt, weiß, dass Regener ein sensibler und nachdenklicher Mensch ist, und ganz wunderbare Songs geschrieben hat. In seiner Wutrede bei Zündfunk lernt man jedoch einen anderen Sven Regener kennen, nämlich einen langjährigen Musiker, der ruppig polternd zu Protokoll gibt, wie weit er sich von der Realität entfernt hat.
Hört man Regener aufmerksam zu, stellt sich schnell der Verdacht ein, dass Regener sich zurück in die Vergangenheit wünscht, in der sich seine Fans artig seine Platten kauften und sich schon als Pirat fühlten, wenn sie diese Platten einem Freund auf Kassette kopierten.
Sven Regener glaubt nicht, dass man auf Plattenfirmen verzichten und gleichzeitig erwarten könne, dieselbe Art von Musiklandschaft von jetzt oder von vor 10 Jahren vorzufinden. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob es denn überhaupt erstrebenswert wäre, eine Musiklandschaft von vor 10 Jahren vorfinden zu wollen. Und selbst wenn dies erstrebenswert wäre, was es höchstens für diejenigen Musiker sein könnte, deren ausschließliches Interesse möglichst hohen Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen ist, so ist es doch so gut wie ausgeschlossen, dass diese antiquierte Musiklandschaft jemals zurückkommen wird.
Sven Regener wäre also gut beraten, wenn er weniger als wütendes Trotzkind auftreten würde, anstatt zu akzeptieren, dass sich die Welt, und ganz besonders die Musiklandschaft, verändert hat.
Natürlich kann man immer nostalgisch zurück schauen und seinen Enkeln vom Krieg erzählen, wie blühend damals das Musikbusiness war und wie viel Geld sich damals so ziemlich jeder in die schon übervollen Taschen gesteckt hat. Aber was soll das bringen? Die Vergangenheit ist Vergangenheit und kommt auch nicht mehr wieder zurück.
Anstatt auf ein uraltes Urheberrecht und der Musiklandschaft von vor 10 Jahren zu verweisen, wäre Regener besser beraten, sich intellektuell den aktuellen Problemen der Musikindustrie zu widmen und an zeitgemäßen Lösungen zu arbeiten. Dann müsste er auch nicht mehr mit der offensichtlich panischen Angst leben, uncool zu wirken. Denn uncool wirkt derjenige, der uncool ist.
Regener erkennt zwar richtig, dass weder Google noch YouTube uns etwas zu bieten haben, außer das, was andere Leute geschaffen haben, vergisst dabei aber die Tatsache, dass die von ihm offensichtlich so hoch geschätzte Musikindustrie es quasi Jahrzehnte lang verschlafen hat, selber aktiv zu werden und zeitgemäße Angebote, wie zum Beispiel YouTube, zu erschaffen.
Nachdem solche Angebote von anderer Stelle auf die Beine gestellt wurden, und immer noch werden (siehe Spotify), meckert man nun wieder und demonstriert damit eindrucksvoll, wie wenig Wert man auf die Wünsche potentieller Kunden legt.
Stattdessen beschäftigt sich die Musikindustrie weiterhin intensiv mit jammern und der Verfolgung von Menschen, die sich unnötigerweise einen popeligen Chartscontainer in irgendwelchen schmierigen Tauschbörsen downloaden.
Ich weiß nicht in welchem Musikuniversum Sven Regener lebt, aber durch seine folgende Äußerung muss es ein sehr weit entferntes sein:
Für die Leute zwischen 15 und 30 gibt es keine endemische Musik mehr. Die haben keine eigene Musik mehr. Die kleinen Labels, die vor allem studentisches Zielpublikum hatten, die ganzen Indie-Labels, sind alle tot, sind alle weg. Was bleibt ist Volksmusik, deutscher Schlager und Rockmusik für die Älteren. Der Rest dazwischen ist schon tot.
Diesen Eindruck kann ich ganz und gar nicht teilen. Noch nicht mal dann, wenn ich mich in die musikalischen Abgründe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder der aktuellen Charts wage.
Mein Eindruck als Vielmusikhörer ist vielmehr der, dass es heute ein größeres Angebot denn je gibt. Und zwar vor allem im Indie-Bereich, den Sven Regener angesprochen hat.
Dieser Eindruck, selbst wenn er falsch ist, entsteht vor allem anderen durch das Internet, und dabei nicht unmaßgeblich durch das von Regener so arg gescholtene YouTube, das für mich als Konsumenten und darüber hinaus guten Kunden der Musikindustrie, nichts anderes ist, als das größte Popkulturarchiv der Welt.
Auch wenn Sven Regener das sicherlich anders sehen würde, aber wenn es nach mir gehen würde, müsste man YouTube als Musik Weltkulturerbe einen besonderen Schutz gewähren. Sven Regener macht aber das genaue Gegenteil, er boykottiert YouTube.
Wo hätte ich denn vor 20 Jahren von den vielen wenig bekannten Indiebands erfahren, falls nicht zufällig eines der wenigen gedruckten Musikmagazine Erbarmen gehabt hätte und einen Zweizeiler darüber publiziert hätte? Und selbst dann hätte ich auf die beim Thema Musik nicht ganz unwichtige Praxis verzichten müssen, mir Songs von dieser Band anhören zu können.
Ich glaube, dass Musiker in erster Linie möchten, dass Menschen ihre Musik hören können. So wie Maler möchten, dass man ihre Bilder wahrnimmt, so wie Filmemacher möchten, dass man ihre Filme schaut. Danach erst kommt der Prozess des Geldverdienens.
Wie dieser Prozess des Geldverdienens auf die heutige Zeit, die eine andere Zeit ist als vor 10 oder 20 Jahren, angepasst werden kann, ist eine Frage, die auch Sven Regener nicht ignorieren kann. Eines ist aber sicher: die Antwort darauf ist nicht, sich ein Musiklandschaft von vor 10 Jahren zurück zu wünschen. Denn diese Landschaft ist endgültig an uns vorbei gezogen und kommt auch nicht mehr wieder.
Wer das ignoriert kann in 5 Jahren wieder genau das gleiche Interview geben wie Sven Regener dies gestern getan hat. Dann mit noch mehr Wut und noch mehr Verzweiflung. Und aller Voraussicht nach, mit noch weniger Erfolg.
Auch zum Thema:
Brief an Sven Regener
Ich, der Google-Lobbyist und Sven Regener in Rage
Sven Regener, du erzählst Unsinn, und ich erklär dir, warum

Ich unterschreibe das mal vorsichtig. Vorsichtig, weil ich den Zorn von Sven Wegener verstehen kann, vorsichtig, weil ich schon vor Jahren zb mit Hazelwood sehr interessante Diskussionen zu genau dem Punkt hatte (und diese nun leider auch aufgeben), vorsichtig, weil ich genug Leute kenne, die sich terrabiteweise Songs und Filme und Serien aus dem Web holen und natürlich nur einen Bruchteil davon überhaupt anhören/sehen werden, gleichzeitig aber schon ewig nichts mehr in Form von CDs, Downloads, Platten oder DVDs gekauft haben… es ist schwierig.
Regener, nicht Wegener ;-)
Natürlich ist das ein schwieriges Thema, und natürlich verstehe ich auch ein Stück weit Regeners Zorn.
Dieser Zorn bringt nur nichts, weil er nicht kreativ ist und nichts bewirkt. Auch wenn es vielen Musikern der alten Schule nicht schmeckt, weil sie eben noch andere Zeiten kannten, müssen sie trotzdem anerkennen, dass sich sehr viel verändert hat, ganz besonders das Verhalten und die Ansprüche von Konsumenten.
Das blöde ist halt, dass bei all den jahrelangen Diskussionen immer noch niemand eine für alle Seiten befriedigende Lösung gefunden hat, obwohl alle sich darüber einig sind, dass etwas geändert werden muss.
Das betrifft ja nun nicht nur die YouTube Problematik, sondern eben auch das von dir angesprochene Download Verhalten. Obwohl im Falle Regeners nicht davon auszugehen ist, dass es seine Werke sind, die in den typischen Tauschbörsen massenhaft downgeloadet werden.
Trotzdem zeigt Regener für meine Begriffe einen etwas merkwürdigen Blick auf die Musiklandschaft, wenn er sagt, dass alle Indie Labels tot wären und es außer Volksmusik, Schlager und Rockmusik für ältere Leute nichts mehr geben würde. Denn so ist ja nun beim besten Willen nicht. Ganz im Gegenteil. Irgendwie wirkt er damit arg fern der Realität, finde ich.
Man könnte sich tatsächlich auch die Frage stellen, warum Musiker als Künstler wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie ein verbrieftes Recht darauf hätten, dass Staat und Industrie ihre Werke unter einen besonderen Schutz stellen soll. Aber das wäre eine zu philosophische Frage und würde an dieser Stelle zu weit führen.
Wahrscheinlich kommt aufgrund Regeners Interview auch bald schon wieder die Forderung nach einer Kulturflatrate auf.
Ich glaube aber, dass genau diejenigen, die diese Flatrate fordern, die ersten sein werden, die bei hypothetischer Einführung dieser Flatrate, am lautesten meckern würden, da man dafür eine umfangreiche Überwachungsstruktur erschaffen müsste, die in der Lage wäre, in einzelne IP Pakete hineinzuschauen, um zu ermitteln, was genau denn konsumiert wurde, um die Gelder gerecht verteilen zu können.
Achja, das ist schon ein wirklich schwieriges Thema.
W is the new R … :)
Genau diesen Satz:
muss man mal Laut sagen. Ich höre nun seit ca. 30 Jahren Punkmusik und durch das Internet hat für mich, die Vielfalt an Bands und Genres in einem unglaublichen Maße zugenommen. Davor gab es nur kleine Zirkel, Fanzines, Mundpropaganda wo man etwas Neues kennenlernen konnte.
Und was Regener völlig vergißt, für 90% der Indiebands (je nachdem wie weit man diesen Begriff spannt) spielt Geld verdienen erstmal keine Rolle, die sind nur daran interessiert ihre Musik zu verbreiten und wie kann das einfacher gehen, als kostenlos über’s Internet?
Früher mussten solche Bands den Plattenbosse ihre Füsse küssen und Kenebelverträge unterschreiben. Das Element of Crime über diese Phase heraus kamen, ist das Glück ganz weniger. Aber diese Bands werden auch in Zukunft ihr auskommen haben. Ich weiß nicht warum Sven Regener so rumflennt.
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