Der gestrige Abend könnte als der Abend in die Geschichte des deutschen Fernsehens eingehen, an dem die Piratenpartei sich öffentlich selbst demontierte.
Nötig für diese Demontage waren keine aufgedeckten Skandale, keine politischen Gegner und auch keine investigativen Fragen von Journalisten, sondern lediglich 3 Talkshows und allem voran Christopher Lauer, der neben seiner unerträglichen Arroganz auch das verheerende Ausmaß der Hilfs- und Inhaltslosigkeit der Piratenpartei eindrucksvoll zur Schau stellte.
In der Sendung Maybrit Illner, in der es auch um das tagesaktuelle Thema Schlecker und der zuvor durch das Nein der FDP gescheiterten Auffanggesellschaft für die entlassenen Schlecker Mitarbeiter ging, wollte Frau Illner von Christopher Lauer wissen:
“Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie für oder gegen eine solche Auffanggesellschaft plädieren müssten? Soll der Staat sparen und soll hier der Markt in allem was er zu bieten hat tätig werden, oder soll der Staat diese 11.000 Frauen unterstützen und eine solche Auffanggesellschaft gründen?”
Christopher Lauers Antwort:
“Naja, also, ähm, ich fand was Herr Fricke gesagt hat (Anmerkung: Herr Fricke, FDP, lehnt diese Auffanggesellschaft ab) eigentlich relativ vernünftig, also ich kenn Schlecker eigentlich auch nur immer aus der Berichterstattung, dass es dort ganz furchtbare Arbeitsverhältnisse gibt, dass immer wenn´s da nen Überfall gibt, die Frauen dort Festsitzen und keinen Notruf haben. Ähm, ich weiß auch nicht wie die Berichterstattung war als Schlecker ganz viele andere Drogerieketten irgendwie aufgekauft hat, ähm, ähh, also, ähh, das ist natürlich jetzt sehr schwierig und ich bin auch froh, dass wir zumindest als Piraten dann immer bei solchen Themen wo wir dann tatsächlich auch nicht so viel Ahnung haben sagen, ja
äh, da sparen wir uns jetzt erstmal den Kommentar und jetzt habe ich es irgendwie doch getan , das ist immer, sehen Sie, ich verlottere zusehends in der Politik.
…
Ne, aber ähm, ja, aber ähm, ja ich meine das was hier jetzt gesagt wurde, das klang ja alles sehr plausibel. Herrn Beck habe ich nicht so ganz verstanden, das war sehr laut.”
Kurt Beck, der vor Christopher Lauers Auftritt schon einen emotional stark aufgeladenen Beitrag zur Debatte beisteuerte, erklärte dann noch einmal in aller Deutlichkeit, worum es ging, nämlich um die Frage, ob und wie man den unmittelbar vor der Arbeitslosigkeit stehenden Schlecker Frauen entsprechende Hilfe hätte geben können und in welchem rechtlichen Rahmen dies hätte vonstatten gehen müssen.
Offenbar konnte Lauer es nicht verkraften, dass ihm jemand mit jahrzehntelanger Politikerfahrung etwas erklärt, weshalb er ungelenk ein paar provozierende Zwischenfragen von der “Warum ist die Banane krumm” Qualität” eines 6-jährigen Kindes stellte und damit zeigte, dass er offensichtlich grundlegende politische Mechanismen immer noch nicht kennt.
Es hatte schon einen starken Fremdschämcharakter zu beobachten, wie wirr, hilf- und inhaltslos, dafür aber mit einer ihm nicht zustehenden Arroganz, sich Pirat Christopher Lauer in dieser Talkrunde präsentierte.
Wenn man aber bei der Sache bleiben möchte, und Lauers überhebliche und provozierende Art mal außen vor lässt, bleibt festzuhalten, dass Lauer sich in der Sachfrage auf die Seite der FDP stellte, die die Hilfe für Schlecker Mitarbeiter (Auffanggesellschaft) nicht nur ablehnt, sondern sie auch erfolgreich verhindert hat.
Einige Zeit später am gleichen Abend saß Sebastian Nerz, der Bundesvorsitzende der Piraten, in der Sendung “Beckmann” und sagte dort zum Fall Schlecker und der zuvor durch die FDP gescheiterten Auffanggesellschaft für die ehemaligen Angestellten:
“In diesem konkreten Einzelfall stimme ich im übrigen zu (Anmerkung: der SPD), wir hätten diese Auffanggesellschaft gebraucht.”
Bevor sich Nerz zu dieser Positionierung durchringen konnte, blieb es natürlich nicht aus, dass auch er noch einmal darauf verwies, dass die Piratenpartei dazu eigentlich noch kein konkretes Programm habe.
Es ist also weiterhin völlig nutzlos, Politiker der Piratenpartei nach politischen Meinungen zu fragen, da man auf Seiten der Piraten immer noch ungebremst mit der politischen Ahnungs- und Meinungslosigkeit kokettiert.
Ringt man ihnen aber, wie in diesem konkreten und aktuellen Fall, doch eine Meinung ab, stellt sich der eine Pirat auf die Seite der FDP und sagt “Nein”, während der andere Pirat sich auf die Seite der SPD stellt und “Ja” sagt.
Und selbst bei diesen vagen Antworten und Meinungen, hat man stets den Eindruck, dass die Antwort eine halbe Stunde später ganz anders ausfallen könnte, weil sie so beliebig und vage klingt.
Natürlich kann man als Politikeinsteiger eine Zeit lang mit diesem naiven Image spielen. Bei vielen Wählern und Teilen der Presse ist diese Haltung streckenweise auch ganz gut angekommen.
Aber irgendwann ist dieser Frischlingsbonus nun mal aufgebraucht und es wird Zeit zu demonstrieren, dass man nicht nur seine Hausaufgaben gemacht, sondern zu aktuellen Fragen als Partei auch eine Meinung hat. Idealerweise eine solche Meinung, für die man die Partei auch in die Pflicht nehmen kann.
Wer Politik machen möchte, muss irgendwann anfangen Politik zu machen. Dazu gehört es in erster Linie, Lösungen zu aktuellen politischen Fragestellungen anzubieten, dazu gehört es auch, sich als Partei zu positionieren.
Es ist sehr gut, dass Journalisten nun anfangen, die Piraten in die Pflicht zu nehmen. Es ist gut, dass sie konkrete Fragen stellen und konkrete Antworten fordern. Es ist auch gut, dass man die offen zur Schau gestellte Ahnungs- und Inhaltslosigkeit nicht mehr länger als Antwort akzeptiert. Nur auf diese Art und Weise entlarvt man schonungslos, zu was diese Partei derzeit zu gebrauchen ist.
Das permanente Gefasel über Transparenz und Liquid Democracy ist nur noch ein nicht mehr gültiges Mittel, um davon abzulenken, dass man außer diesen Themen, die mehr ein Werkzeug als eine Position sind, keinerlei Antworten auf aktuelle politische Fragen hat.
Das wirkt dann wie ein Schreiner, der gerne lang und breit von seinem Hammer erzählt, aber nicht dazu in der Lage ist, mit diesem Hammer einen Nagel ins Holz zu schlagen.
Ein solcher Schreiner könnte zwar ein erfolgreicher Talkshowgast werden, indem er unterhaltsam über seinen Hammer philosophiert, seinem eigentlichen Job wird er aber nicht nachgehen können.
Die Piratenpartei muss sich also die Frage stellen, ob sie eine reine Showpartei bleiben möchte, oder ob sie konkret und tat- und meinungskräftig in die Politik eingreifen möchte.
Für meine Begriffe spielt jedoch insbesondere Pirat Christopher Lauer derzeit ungefähr auf dem gleichen Niveau Politiker, wie Teilnehmer von Casting Shows Superstars spielen.
Da passte es ganz gut, dass Lauer am gleichen Abend noch eine weitere Talkshow besuchte, nämlich die sehr zu empfehlende Stuckrad Latenight. Dort demonstrierte Lauer noch etwas von seiner natürlichen Unlustigkeit, die er wohl mit dem Dauerpaffen von Zigaretten als Running Gag überspielen wollte.
Hätte Lauer alle diese gepafften Zigaretten tatsächlich geraucht, hätte er mit ziemlicher Sicherheit in den neben dem Tisch stehenden Club-Mate Ballermann Eimer gekotzt – das lieber Herr Lauer, wäre wenigstens wirklich lustig gewesen.
Aber selbst beim Thema Rauchen gilt bei Lauer offensichtlich die Devise: Mehr Schein als Sein.


Das Christopher Lauer Kurt Beck beim Erzählen von Unwahrheiten erwischt hat, muss wohl untergegangen sein.
Außerdem ist es vollkommen natürlich, dass zwei Piraten zu einem kontrovers diskutierten Thema verschiedene Meinungen haben. Die Piraten sind keine dieser Parteien, die ihren Mitgliedern Positionen verordnet. Das Programm definiert dort allein der Parteitag und nicht irgendein Vorstand oder irgendein Abgeordneter.
Das ist eine neue Art von Partei und eine neue Art, Politik zu gestalten. Die Berichterstattung der Mainstreampresse hat sich daran nur noch nicht gewöhnt. Kein Wunder, denn bis vor Kurzem war diese sogar noch davon überzeugt, die Piraten totschweigen zu können.
Wie sich die Zeiten doch ändern… und wie schnell das gehen kann.
Wo soll Lauer Kurt Beck denn beim erzählen von Unwahrheiten erwischt haben? Und selbst wenn das so gewesen wäre, warum hat Äh-Ähm-Lauer das dann nicht gesagt? Sorry, das ist Schwachsinn!
Außerdem hat es überhaupt nichts mit einem Programm zu tun. Es geht hier um eine Meinung, nicht um ein Programm.
Und das ist auch keine neue Art Politik zu gestalten, sondern das ist demonstrierte Ahnungslosigkeit. #fail
Er hat es gesagt. Dumm nur, dass Frau Illner ihren Job nicht beherrscht.
http://www.faz.net/aktuell/feu.....04990.html
Was hat “er” gesagt? Kannst du auch mal konkret werden?
Und zu deinem Link zu Lauers Artikel:
Hinterher ist der Lauer immer schlauer.
Nach Anne Will, Markus Lanz (hey, ich meine MARKUS LANZ), Maybrit Illner, Stuckrad Latenight, usw. – wie ist denn nun die Frage auf die Antwort, ob sich Piraten an solchen Veranstaltungen künftig beteiligen sollten? Kann Lauer nur fragen, oder kann er auch antworten? Oder gibt es dafür auch noch kein Programm?
Und diese Maybrit Illner hat Lauer nicht die gewünschten Fragen gestellt? Ohhh, das ist ja total fies und gemein. Ich suche schon mal meine Taschentücher.
Zutreffender Artikel, stimme in Vielem zu. @Sprechsucht: natürlich ist es legitim, dass zwei verschiedene Politiker auch zwei verschiedene Meinungen haben. Das will ihnen ja auch niemand in Abrede stellen. Wenn allerdings zwei Politiker der selben Partei zu wichtigen Themen nicht zwei unterschiedliche, sondern entgegengesetzte Positionen vertreten, dann grenzt das an Willkür. Für den Wähler ist nicht mehr nachvollziehbar, wen oder was er da eigentlich gewählt hat. Auf die Piraten kommen in Zukunft schwierige und wichtige Entscheidungen zu, da kann ihnen die bewusst gelebte Planlosigkeit nicht helfen bzw. wird sogar gefährlich. “Das Programm definiert allein ein Parteitag.” Das ist bei allen anderen demokratischen Parteien genau so. Tatsache ist aber auch, dass der Politikalltag aus mehr besteht als bloße 1:1 Übersetzung des Parteiprogramms auf aktuelle Problemlagen. Zumal das Porgramm der Piraten bis jetzt äußerst wage bleibt.
Ich habe zum Thema (Saar)Piraten auch gebloggt unter http://www.cloudgefluester.de.
lg
Warum muss man Antworten auf Fragen haben, die sich den Betreffenden gar nicht stellen?
Lauer ist Abgeordneter in Berlin. Warum sollte er etwas retten, was die alte Garde in anderen Bundesländern verkackt? Es wäre deren Aufgabe gewesen, den Sozialstaat nicht zu demontieren, um Auffanggesellschaften gar nicht erst in die Diskussion kommen zu lassen.
Bei Piraten ist es üblich, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die tatsächlich anstehen. Und das bedeutend schneller als man das von herkömmlichen Politikerdarstellern kennt. Pseudodiskussionen um Themen, die eh woanders entschieden werden sind dabei absolut unproduktiv. Man kann den betreffenden Piraten höchstens ankreiden, sich dazu überhaupt geäußert zu haben.
Es ist völlig egal, wo Lauer Abgeordneter ist. Er ist Politiker und präsentiert sich gerne in Talkshows. Da kann es schon mal vorkommen, dass der eine oder andere Journalist, eventuell eine Frage hat. Auch zu tagesaktuellen Themen.
Du schreibst:
Hilfe, das kann weltfremder gar nicht sein. Dass eventuell auch schon vor der Piratenpartei Politik gemacht wurde, ist dir wohl nicht klar.
Du schreibst:
Warum hat Lauer das dann nicht gemacht? Alle anderen hatten schnell eine Meinung zu Schlecker, also einem Problem was anstand. Lauer hat erst ein paar Tage später, oder vielleicht auch erst ein paar Google Ergebnisse später, eine Antwort auf die Frage. Das nennst du schnell? Ich lache.
Alle anderen Politiker waren schnell und konkret, Lauer war langsam und wischi-waschi.
Sein Artikel in der FAZ macht die Sache fast noch schlimmer. Das ist, wie wenn man bei der mündlichen Prüfung völlig versagt hat, dann nach Hause geht, die Ergebnisse nachschlägt, und dann behauptet, dass man ja eigentlich alles gewusst hätte.
Manchmal ist ganz gut, wenn man einfach mal den Mund hält, besonders dann, wenn man nichts zu sagen hat.
> Warum sollte er etwas retten, was die alte Garde in anderen Bundesländern
> verkackt? Es wäre deren Aufgabe gewesen, den Sozialstaat nicht zu
> demontieren, um Auffanggesellschaften gar nicht erst in die Diskussion kommen
> zu lassen.
Genau das hätte er zum Beispiel sagen können. Müssen! Das kam mir an der Stelle auch sofort in den Sinn, und es wäre eine inhaltliche, triftige Kritik gewesen: Wenn zutreffend erkannt wird, daß es für die betroffenen Mitarbeiter ein schwerer Schicksalsschlag ist, arbeitslos zu werden, dann gilt es in der Politik, dieses Problem systematisch zu lösen, nicht hektisch überhitzt und beifallsheischend auf Einzelfälle zu reagieren. Dieses politische Unvermögen ist typisch für die etablierten Parteien, man kann es in so gut wie allen anderen Bereichen finden. Daraus hätte man einen grundsätzlichen Ansatz formulieren können. Stattdessen wurde nur Beck als Typ ausgesucht, mit dem man sich jetzt irgendwie zankt.
Ja, die Piraten sind auch bei uns im Alpenland in aller Munde. Für mein Kabarett habe ich schon Piratenwitze.
Trotzdem die Grundidee wäre gut.
Es lockt halt viele in die Politik zu gehen. Als Kabarettist hat man die dankbarere Bühne.
Übrigens ein Superblog
Quardian
Also mein gestriger Beitrag zu den Piraten bei uns.
http://www.quardian.net/news/d.....oberpirat/