Johannes B. Kerner spricht über Twitter

von Marius am 24. September 2009 · 6 Kommentare

Ich frage mich seit 2 Tagen, was in der ZDF Sendung „Johannes B. Kerner“ vom 22.09.2009 los war. In dieser Sendung schlug Johannes B. Kerner auf unverhältnismäßig heftige Art und Weise auf den Internetdienst Twitter ein, so dass man fast den Eindruck hatte, hier müsse aus welchen Gründen auch immer ein Exempel statuiert werden.

Kerner sagte in der Sendung, dass er sich „heute erstmals damit beschäftigt“ habe und bevor er sich an seinem Notebook zu schaffen machte, schickte er gleich vorweg, dass er Twitter für die Pest halte. Solche starken Worte für etwas, was man noch gar nicht richtig kennt, sind eher ungewöhnlich für einen Fernsehermoderator.
Kerner las nun einige einzeln herausgepickte Tweets von ausgesuchten Politikerinnen und Politikern vor, und versuchte diese der Lächerlichkeit preiszugeben. Er amüsierte sich über einen Schreibfehler ohne zu erwähnen, dass solche Tweets oft auch hektisch unterwegs oder auf einer Veranstaltung mit dem Handy getippt werden, wo Schreibfehler durchaus mal vorkommen können, und vergaß darüber hinaus zu erwähnen, dass diese Tweets auch erklärende Links enthalten können.
„Warum muss ich das wissen? Wen interessiert denn das?“ fragte Kerner voller Elan mit empörtem Unterton in seiner Stimme und weit aufgerissenen Augen in die Runde, während sich das Publikum artig amüsiert gab.

Dann sagte Kerner „jetzt gehe ich mal hier zu Twitter Home …“ klickte hilflos auf seinem Notebook herum und landete auf der Google Suche, was ihn offensichtlich völlig überforderte. „Ich würde sagen jetzt kommt mal ein Techniker und hilft uns ein bisschen“ waren seine nächsten Worte und genau diese Situation beschreibt schon das ganze Dilemma dieser Sendung. Johannes B. Kerner zog im öffentlich rechtlichen Fernsehen in heftiger Art und Weise über einen Internetdienst her den Millionen von Menschen tagtäglich nutzen, war aber offensichtlich noch nicht mal in der Lage diesen Dienst ohne fremde Hilfe zu bedienen.

Also musste eine junge Dame aus der Redaktion zu Kerners Notebook laufen um für ihn die gewünschte Webseite (Twitter Suche) aufzurufen. Während sie das tat fragte Kerner süffisant: „Dauert es lange?“
Als Kerner dann endlich und nur mit fremder Hilfe das gewünschte Suchfeld vor sich hatte, gab er seinen eigenen Namen dort ein, wobei er sich direkt verschrieb. Soviel zu seiner vorherigen, belustigenden Bemerkung über Schreibfehler Anderer.
Nun fand Kerner natürlich völlig zufällig sein Fakeprofil bei Twitter, was ihn in der Folge zu weiteren Schimpftiraden gegen Twitter veranlasste. „Das ist ja alles nicht wichtig“, „Das ist ein völliger Unsinn“, „völlig Gehaltlos für journalistisches Arbeiten“.
Bei seiner rüden Art der negativen Berichterstattung über Twitter, versuchte Kerner auch immer wieder die anwesenden Gäste sowie das Publikum durch zustimmendes Kopfnicken von seiner eigenen Meinung zu überzeugen.

Dann kam einer seiner Gäste, Steffen Seibert, zu Wort: „Ich sehe das genauso, ich wüsste nicht was ich damit sollte.“ Aber, so Seibert, im Iran wäre Twitter eine wirklich wichtige Quelle gewesen. Das wären aber Ausnahmesituationen gewesen, welche wir hier nicht hätten. In Deutschland bräuchten wir das nicht.
Genau dieser Steffen Seibert moderierte erst wenige Tage zuvor die Sendung „Erst wählen, dann fragen“ wo die meisten Spitzenkandidaten aller im Bundestag vertretenen Parteien jeweils alleine durch ein Parcour aus Fragen von jungen Zuschauern geführt wurden, bei dem unter anderem Twitter immer wieder als wichtiger Rückkanal eingesetzt wurde. Umso unverständlicher ist Steffen Seiberts negative Haltung zu Twitter, die er bei Johannes B. Kerner an den Tag legte.

Lediglich Werner Sonne und Wolf von Lojewski sprachen sich vorsichtig für das Internet aus. Lojewski sagte „Computer haben am Ende immer Recht“, worauf Kerner gleich wieder intervenierte „… das würde mich ein bisschen ängstigen, weil das wirklich sozusagen an der Grenze des erträglichen ist.“

Zusammenfassend finde ich, dass diese Sendung ein absoluter Tiefpunkt der deutschen Berichterstattung über aktuelle Internetthemen war. In keiner Fernsehsendung zuvor habe ich einen Moderator so vehement, ja fast schon verblendet gegen einen Internetdienst wettern hören, wie Johannes B. Kerner es hier in seiner eigenen Sendung tat. Das ist schon bemerkenswert.
Viel bemerkenswerter ist es jedoch, mit welcher offen zur Schau gestellten Unbeholfenheit am Notebook Johannes B. Kerner dies tat. Ich denke nicht, dass sich ein Fernsehmoderator, der sich laut eigener Aussage erst am Tag der Sendung das erste mal mit einem Dienst wie Twitter beschäftigte, und darüber hinaus offensichtlich nicht in der Lage ist, diesen Dienst eigenständig zu bedienen, sich zu einer solchen negativen Meinungsmache hinreisen lassen sollte. Erst recht nicht im öffentlich rechtlichen Fernsehen.

Mich hat diese Sendung sogar so sehr geärgert, dass ich in der ZDF Zuschauerredaktion angerufen habe und mich über Johannes B. Kerners Sendung beschwert habe. Worauf die junge Dame nur lapidar sagte: „Der ist ja eh bald weg.“

Selbstverständlich darf man Twitter gerne kritisieren und für belangloses Geschwätz halten. Aber die Art und Weise, mit der Johannes B. Kerner dies getan hat, hat mich doch ziemlich erschreckt.

Die besprochene Johannes B. Kerner Sendung findet man auch in der ZDF Mediathek

Weiterte Artikel zum Thema:
Kerner Twitter-Bashing: Kenn ich nicht, find ich doof.
Kerners künstliche Aufregung über Twitter

Weitere Informationen:

Verwandte Artikel:

  1. Von Twitter und PR Beratern
  2. Die Twitter API, oder wenn Bots kommunizieren
  3. Anruf aus dem Jenseits
  4. Google Buzz
  5. Fotos vom neuen Twitter Headquarter

{ 2 Trackbacks }

Johannes Kerner hasst “Twitter wie die Pest” :: Blog :: Fast-Load.de
25. September 2009 um 00:42
Merkwürdige Kreaturen: Steini-Girl, JBK und der Ziegenmensch | rumsabbeln.de
26. September 2009 um 07:03

{ 4 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

1 Jeriko 24. September 2009 um 16:04

Ach der Kerner, der tut immer so peacemäßig, aber in seiner Birne tickts doch ganz anders. Darf ich an die Sendung mit Eva Hermann erinnern, bei der er mit allen Mitteln versucht hat, sie bloß zu stellen?

(Und damit will ich Hermann nicht in Schutz nehmen, sondern Kerners Art der “Moderation” kritisieren)

Antworten
2 Henrik 25. September 2009 um 00:26

Lustig war ja auch, dass er Steffi Lemke offenbar nicht kannte…
http://is.gd/3DLDj

Antworten
3 jke 30. Oktober 2009 um 21:17

Johannes “B wie beschränkt” Kerner.

Wir brauchen wirklich mal so etwas wie ein Inetministerium, irgendwas wo dem Inet mindestens genau der gleiche Verstand wie dem Fernsehen oder Radio entgegengebracht wird.

Antworten
4 Christoph Simon 9. Januar 2010 um 14:00

Auch wenn´s schon eine Weile her ist. Lese den Post erst jetzt und habe auch die Sendung nicht gesehen.

Johannes B. Kerner ist einer der schlechtesten Journalisten Deutschlands. Ich wundere mich nur, dass dies noch keiner in den ganzen Fernsehredaktionen gepeilt hat.

Das gibt mir viel mehr zu denken.

beste Grüße,
Christoph

Antworten

Schreib einen Kommentar

Du kannst diese HTML-Tags und -Attribute nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Vorheriger Artikel:

Nächster Artikel:

blogoscoop
maingold on TwitterMaingold RSS Feedmaingold on Friendfeed