Absurde Ästhetik: Modernes Duell mit dem Handy

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Neulich wurde ich Zeuge einer absurden Situation, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht.

Alles fing harmlos an, als ein silbergraues Auto vor einer kleinen Kreuzung hielt. Der Fahrer verabschiedete sich von seiner Beifahrerin, die an dieser Kreuzung aussteigen wollte. Ein schwarzes Auto, ebenfalls mit einem Mann am Steuer und einer Frau als Beifahrerin, stand hinter dem silbergrauen Auto und hupte mehrfach wütend. Offenbar ging dem Fahrer des schwarzen Autos die kurze Verabschiedung der Frau aus dem silbergrauen Auto nicht schnell genug.

Dies wiederum brachte die Beifahrerin aus dem silbergrauen Auto zur Weißglut. Sie stieß wütend die Beifahrertür auf, sprang aus dem Auto und fing an den ungeduldigen Fahrer des hupenden Autos anzuschreien. Dieser ließ sich das jedoch nicht gefallen und stürmte ebenfalls aus seinem Auto um zurückzuschreien. Auch der Fahrer des silbergrauen Autos stieg nun aus um bei dieser Szenerie mitzumischen. Beide Parteien beleidigten sich wüst gegenseitig und drohten sich wechselseitig Schläge an. Es wurde laut, hysterisch und immer aggressiver. Einige Passanten gruppierten sich interessiert um die beiden Autos an der Kreuzung, weitere Autos warteten gespannt dahinter. Eine Schlägerei schien unausweichlich.

Und dann wurde es lustig. Die Beifahrerin des silbergrauen Autos zückte ihr Handy, schrie, dass sie nun die Polizei rufen würde und fing an den Fahrer des schwarzen Autos mit dem Handy zu filmen. Dieser ließ sich auch das nicht gefallen, zückte ebenfalls sein Handy und filmte erbarmungslos zurück. So standen sich die beiden Streithähne unmittelbar gegenüber, schrien sich lautstark an und filmten sich dabei gegenseitig. Diese Szene war schon absurd genug, aber es sollte noch absurder werden. Denn auch der Fahrer des silbergrauen Autos wollte nun demonstrieren, dass sein Handy über eine Kamera verfügt und fing an zu filmen, wie der Fahrer des schwarzen Autos filmte, wie die Beifahrerin des silbergrauen Autos ihn filmte. Nun filmten sie sich also schon zu dritt.

Das konnte die bis dahin nicht in Erscheinung getretene Beifahrerin des schwarzen Autos natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Nun stieg auch sie aus dem Auto, zückte ihr Handy und filmte, wie der Fahrer des silbergrauen Autos filmte, wie der Fahrer des schwarzen Autos filmte, wie die Beifahrerin des silbergrauen Autos ihn filmte. Nun filmten sie sich bereits zu viert.

Mittlerweile versammelten sich einige Zaungäste um diese Szene und einer dieser Beobachter zückte überraschenderweise sein Handy und filmte, wie die Beifahrerin des schwarzen Autos filmte, wie der Fahrer des silbergrauen Autos filmte, wie der Fahrer des schwarzen Autos filmte, wie die Beifahrerin des silbergrauen Autos ihn filmte.

Ich überlegte kurz ebenfalls mein Handy zu zücken um zu filmen, wie der Zaungast filmte, wie die Beifahrerin des schwarzen Autos filmte, wie der Fahrer des silbergrauen Autos filmte, wie der Fahrer des schwarzen Autos filmte, wie die Beifahrerin des silbergrauen Autos ihn filmte. Da ich jedoch Sorge hatte, dass durch das Hinzufügen einer weiteren Metaebene das Universum explodieren könnte, ließ ich mein Handy lieber in der Tasche.

Nachdem alle Schimpfworte ausgetauscht waren und die erhobenen Arme, die sich gegenseitig die Handys vor die Gesichter hielten, müde wurden, löste sich diese sonderbare Veranstaltung langsam auf und alle Beteiligten gingen, bzw. fuhren ihrer Wege.

Gelernt habe ich, dass das gegenseitige Filmen mit dem Handy wohl so etwas wie das neue „aufs Maul hauen“ geworden ist. Allerdings grenzt sich diese fortschrittliche Form der Auseinandersetzung doch deutlich von profanen Straßenschlägereien ab und orientiert sich in Ausdruck und Ästhetik der Körpersprache mehr an den traditionellen Duellen aus Altertum, Mittelalter und der frühen Neuzeit, als man sich stilvoll per Säbel oder Pistole duellierte. Diese mitunter tödlichen Waffen wurden nun durch Handys abgelöst, die Munition durch Megapixel ersetzt und die Sekundanten auf YouTube verbannt.

Ein Hoch auf die Weiterentwicklung der Menschheit und unsere moderne Technik. Ein Hoch auch auf die Beteiligten dieser Auseinandersetzung, die es trotz der extremen Absurdität dieser Szene schafften, ihre aggressive Ernsthaftigkeit zu bewahren. Chapeau! – mir wäre das vermutlich nicht gelungen.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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