Apple Keynote – And some Irish guys in your junk mail

u2

Seit weit mehr als 10 Jahren überkommt mich jedes Mal ein etwas trauriges Gefühl, wenn ich U2 Sänger Bono Vox in der Presse sehe. Manchmal schwingt sogar eine Prise Fremdscham mit.
Natürlich sind es nicht nur die lächerlichen Brillen und der dramatische Gestus, welche dieses Gefühl bei mir auslösen, es ist mehr das völlig übertrieben inszenierte Gutmenschentum und die seit über 20 Jahren andauernde Abwesenheit von guter Musik.
Natürlich, im Grunde genommen waren U2 nie mehr als eine christlich geprägte Stadion-Rockband, die den Mainstream bediente. Angesichts dieser Definition fällt es mir aufgrund meines sonstigen Musikgeschmacks sehr schwer zu glauben, dass mir diese Band einmal etwas bedeutete. Aber so war es. Denn in den 80er Jahren veröffentlichte die Band um Sänger Bono Vox ganze 6 erstaunlich gute Studioalben, die sie zu einer der erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte machten. Ihre Texte und ihr politisches Engagement machte die Band darüber hinaus zu einer Art guten Gewissens der Musikindustrie.

Die Veröffentlichung des letzten musikalisch respektablen U2-Album namens „Achtung Baby“, liegt allerdings schon 23 Jahre zurück und seitdem besteht die Band U2 im Grunde genommen nur noch aus der Marke Bono Vox, der als 1-Mann-Weltverbesserungs-NGO eine rosarote Brille durch die Medienlandschaft trägt, und auf dem Weg dorthin vergessen hat, was ihn früher auszeichnete.

Diese Woche habe ich Bono mit seiner Band seit langer Zeit mal wieder in der Öffentlichkeit gesehen. Im Internet. Am Ende einer weiteren theatralisch inszenierten Keynote der Firma Apple, auf der sie eine Uhr und zwei Telefone präsentierten, standen plötzlich U2 auf der Bühne des Flint Centers in Cupertino und spielten einen Song aus ihrem neue Album. Im Anschluss an dieses flaue Pop-Lüftchens führten Bono und Apple Konzernchef Tim Cook dann ein bizarres Laienschauspiel auf, in dem sie verkündeten, dass sie jetzt sofort, innerhalb von 5 Sekunden, das neue U2 Album namens “Songs Of Innocence“ als kostenloses Geschenk an ihre rund 500 Millionen iTunes Store Kunden verteilen würden und sich dieses quasi bereits jetzt in deren Mediatheken befinden würde. In den Mediatheken von treuen U2-Fans, in den Mediatheken von U2-Hassern, in den Mediatheken von Menschen, die bisher noch nie etwas von dieser Band gehört hatten, in den Mediatheken aller iTunes Kunden. Ungefragt und ohne Vorwarnung. Per Zwangsauslieferung.

Apple feierte sich für diesen Coup und verkündete sogleich, dass dies die größte Albumveröffentlichung der Geschichte sei, da über 500 Millionen Menschen bereits jetzt dieses Album besitzen würden.
Natürlich hätte man dieses „Geschenk“ auch auf andere Art und Weise zur Verfügung stellen können. Man hätte es nicht automatisiert in die Mediatheken stellen müssen, sondern hätte es einfach zum kostenlosen Download anbieten können. Dann aber hätte man nicht medienwirksam davon sprechen können, dass dies die größte Albumveröffentlichung der Geschichte wäre, da sich eben nur ein kleiner Bruchteil der iTunes Kunden dieses Album heruntergeladen hätte. Die Art und Weise wie das Album zur Verfügung gestellt wurde, hat also auch sehr viel mit Wording und dem Apple-typische Bombast-Marketing zu tun.

Dieser ganze Vorgang ist nicht gut, er ist noch nicht mal gut gemeint. Dieser Vorgang kennt keine Gewinner, sondern nur Verlierer und hinterlässt einen sehr bitteren Nachgeschmack, und zwar auf sämtlichen Ebenen.

Das Problem der unbestellten Auslieferung

Es gab mal eine kleine Beschwerdewelle, als viele Bürger plötzlich unbestellt eine Ausgabe einer großen Boulevardzeitung in ihren Briefkästen vorfanden. Damals habe ich diese Empörung nicht verstanden, da ich jeden einzelnen Tag unliebsame Dinge wie Flyer oder Werbezeitungen in meinem Briefkasten vorfinde. Diese Papiersachen finden ihren Weg allerdings niemals in meine Wohnung, sondern müssen schon im Vorfeld den Rückweg in die Altpapiertonne antreten.
Stellt ein Unternehmen jedoch ungefragt Musik in die Mediatheken von persönlichen Geräten wie Smartphones, iPods und Rechnern, dann wird sehr deutlich eine ganz bestimmte Grenze überschritten, dann dringt man ungefragt in die Privatsphäre seiner Kunden ein. Ja, es klingt komisch im Kontext von Mediatheken eines Konzerns von Privatsphäre zu sprechen. Ich kenne allerdings eine ganze Menge Menschen, denen ihre Mediatheken ebenso heilig sind, wie es früher ihre Plattenregale waren. Musiksammlungen können sehr persönliche Angelegenheiten sein, bei Musik geht es immer auch um Emotionen.

Und auch wenn der Vergleich natürlich hinkt, dann ist dies schon ein klein wenig so, als würde ein Lebensmittelkonzern jedem seiner Kunden, ungeachtet dessen Ernährungsweise, eine Packung Tofuwurst in den Kühlschrank legen. Und zwar während seiner Abwesenheit.

Musik als Spam

Wenn dieses Beispiel Schule macht, dann müssen persönliche Mediatheken künftig wie Mailkonten behandelt werden, die einen Spamfilter brauchen, um die gewünschten von den ungewünschten Einsendungen zu trennen. Selbst Bono schien bezüglich des Spam-Vorwurfs schon eine kleine Vorahnung zu haben, in dem er auf der U2 Website schrieb: „And for the people out there who have no interest in checking us out, look at it this way… the blood, sweat and tears of some Irish guys are in your junk mail. “

Corporate Band und Mainstream Zulieferer

Die Zusammenarbeit zwischen dem Apple-Konzern und U2 hat bereits eine 10 Jahre lange Geschichte. So veröffentlichte Apple zum Beispiel eine U2 Special Edition ihres iPods, und warb außerdem innerhalb eines Werbeclips, mit dem U2 Song „Vertigo“ und den Silhouetten der Bandmitglieder. Es kommt also nicht von ungefähr, dass nun erneut U2 für Apple-eigene Werbezwecke im Mittelpunkt steht.

Allerdings gibt es hinsichtlich dieser intensiven Kooperation auch kritische Stimmen, welche die Werte, für die U2 früher einstanden, nicht mit den Werten Apples, als eines der größten Unternehmen der Welt, in Verbindung bringen können, sondern hier Heuchelei empfinden.

Man kann sich fragen, warum Apple mit einer stark in die Jahre gekommenen Band wirbt, die nur noch eine Minderheit der Apple Kunden kennt oder mit guter Musik in Verbindung bringt. Man kann sich fragen, warum Apple nicht etwas mutiger zu Werke gegangen ist.

Es gab mal eine Zeit, in der U2 als Band weltweit anerkannt und respektiert wurde. Und es gab auch mal eine Zeit, in der Apple ein ganz besonderes Gespür für die Wünsche seiner Kunden hatte. Diese Zeiten sind wohl vorbei. Apple scheint sich der Realität zu stellen und tritt nun als Zulieferer der Mainstream-Gesellschaft auf, indem sie ihren Kunden mit dem neuen U2 Album ein weiteres Stück absoluten Durchschnitts vorsetzen. Dafür braucht man keinen Mut und damit kann man auch nicht besonders viel falsch machen. Vielleicht sah der Konzern in U2 auch den kleinsten gemeinsamen Nenner der Generationen.

Sehr treue Apple Kunden gelten ohnehin schon länger als hörige Konsumenten, denen man einfach alles vorsetzen kann, wenn es nur den berühmten Markennamen trägt. Wenn sich dieses Schema nun auch auf die zu konsumierende Musik ausweitet, dann könnte der U2-hörende iPhone 6 User schon bald Opfer bitterböser Parodien werden. Ein eigener Musikgeschmack ist dann kaum mehr nötig. Apple macht das schon.

Entwertung der Musik

Über die Entwertung von Musik im digitalen Zeitalter ist schon so viel geschrieben worden, dass es müssig ist diesen Punkt einmal mehr zu beleuchten. Dennoch kann man aber festhalten, dass Apple diesem Punkt nicht gerade entgegenwirkt, indem sie mit dem U2 Album umgehen wie ein Prospektverteiler, der seine Drucksachen einfach wahllos in alle Briefkästen wirft, die ihm über den Weg laufen.

Songs Of Innocence

Und wie ist es denn nun, das neue U2 Album namens „Songs of Innocence“?
Es ist so, als würde man das Mainstream-Radio einschalten. Langweilig, glattgebügelt, gleichklingend und völlig nichtssagend. Niemand wird sich je im musikalischen Kontext an dieses Album erinnern. Es wird in die Geschichte als das Album eingehen, welches ungefragt in die Mediatheken von 500 Millionen iTunes Kunden gestellt wurde. Es wird als das erste Spam-Album der Musikgeschichte in Erinnerung bleiben. Well done, Apple. Cheerio, U2.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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  • […] Meine Musiksammlung sieht 2014 folgendermaßen aus: ich habe die wichtigsten 50 CDs griffbereit, der Rest liegt staubgeschützt in Kisten. Allerdings besitze ich jeweils nur die für mich essentiellen Alben der letzten Jahre auf CD, der Rest befindet sich in meiner iTunes Bibliothek. Diese ist aber auch nicht vollständig, denn viele Alben habe ich mir in den letzten Jahren nicht mehr zugelegt, sondern nur per Spotify gemietet. Bei Spotify habe ich keine Sammlung, sondern nur temporären Zugriff auf von mir ausgewählte Musik. Die iTunes Bibliothek kommt meiner persönlichen Musiksammlung von damals am nächsten, aber wie ich in den vergangenen Tagen lernen musste, wird auch diese inzwischen fremdgesteuert. […]

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