Das große Frankfurt Nordend Problem

klassenkampf

Gefühlt wird in der Frankfurter Rundschau über keinen anderen Stadtteil so viel berichtet wie über das Frankfurter Nordend. Ein Großteil dieser Berichterstattung machte in der Vergangenheit sicherlich das Thema Markt am Friedberger Platz aus, ein Thema, das von der Frankfurter Rundschau nicht nur sehr, sehr deutlich überstrapaziert wurde, sondern auch ein Thema, bei dem die FR als angeblich unabhängige Tageszeitung aus meiner Sicht deutlich zu viel Stimmung machte. Hierbei konnte man sehr gut beobachten, wie die FR-Online ein aufgrund der Anzahl der Kommentare unter den jeweiligen Artikeln vermutlich als erfolgreich eingestuftes Thema, immer wieder zu reproduzieren versuchte. Aber das ist ein anderes Thema.

Wenn ich mich in Frankfurt so umhöre, dann gilt das Nordend weiterhin als Frankfurter Szene-Stadtteil, auch dann, wenn man den mittlerweile eher müde belächelten Markt am Friedberger Platz komplett ausklammert. Denn dieser Markt ist mittlerweile keine Szene mehr, zu der man gerne dazugehören möchte. Noch nicht mal mit einer neuen Garderobe aus dem Urban Outfitters Store.

Das Nordend hat aus meiner Sicht ganz andere Probleme als den mittlerweile ohnehin gezügelten Markt am Friedberger Platz. Das mit großem Abstand größte Problem ist die sehr stringente Ausrichtung des Stadtteils auf ein ganz bestimmtes soziales Milieu, nämlich das Milieu der grünen Biedermeier-Ökos. In keinem anderen Stadtteil Frankfurts findet man aus meiner Sicht eine solch glasklare Ausrichtung auf eine ganz bestimmte Bevölkerungsnische. Dieses bestimmte Milieu mit seinen unangenehmen Begleitumständen zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Nordend und ist nicht nur eine gefühlte Übermacht, sondern wird stets auch demoskopisch an Wahltagen sichtbar, an denen die Grünen im Nordend weiterhin Traumergebnisse erzielen.

Biedermaier-Ökos, Biohèmes, Lohas, Scuppies, oder wie immer man sie auch nennen mag, verdienen überdurchschnittlich gut, leisten sich Statussymbole, tun so als würden sie die Natur lieben, wollen individuell sein, sind anspruchsvoll, geben sich gerne großstädtisch, wählen weiterhin stoisch die aus meiner Sicht völlig verkrusteten Frankfurter Grünen und finden sich selber als Gutmenschen und auch ganz allgemein über die Maßen total dufte.

Klischeehaft erkaufen sich diese gesellschaftlichen Gruppierungen ihr selbstgefälliges gutes Gewissen mit 150 Gramm Salami für schätzungsweise 5 Euro aus dem Bio-Supermarkt und einer obligatorischen Greenpeace Zugehörigkeit. Ihnen reicht es, wenn sie bei einem Latte Macchiato in der taz oder der FR lesen, dass ihre bevorzugte Wohlfühl-Umweltschutzorganisation mal wieder an irgendeinem Schornstein irgendeiner Industrieanlage ein hübsches Transparent entrollt hat. Wow, die machen wenigstens etwas, darauf noch eine Bionade. Und Schatz, fahr doch dein Hybrid Auto schon mal von unserem 150 Euro Parkplatz, ich komme in einer halben Stunde mit dem SUV und lade den Bugaboo-Kinderwagen aus.

Wenn jedoch ein ganzer Stadtteil exakt auf diese aus meiner Sicht vor vielen Jahren sowohl in Entwicklung als auch in Toleranz stehengebliebene Bevölkerungsgruppe optimiert wird, dann haben wir ein Problem, nämlich das große Nordend Problem. Denn es ist tatsächlich nicht zu übersehen, dass das Nordend mittlerweile fast ausschließlich auf diese Art von Menschen ausgerichtet wird oder sich selber in einer Art vorauseilendem Gehorsam daran ausrichtet.

Merkwürdig daran finde ich allerdings, dass die involvierten Protagonisten diese unumstößliche Tatsache in ihrer eigenen Filterbubble gar nicht als Problem wahrnehmen. Im Gegenteil, sie scheinen so verkrustet, dass sie wie in einem manischen Zustand die Realität ausblenden, ein maßlos gesteigertes Selbstbewusstsein entwickeln und völlig unkritisch ihre eigens geschaffene Welt bejubeln und weiterhin ausbauen. Freiheit, Revolutionen und Vielfalt nicken sie anerkennend in der Presse ab, tun aber alles dafür, um unter Ihresgleichen zu bleiben.

Das Frankfurt Nordend Problem fängt bei den weiterhin ins nahezu unermessliche steigenden Mieten und Wohnungspreisen an und endet mit der tausendsten völlig überteuerten Öko- oder Luxusbäckerei im Frankfurter Nordend noch lange nicht. Aber es sind nicht nur die Wohnungspreise, die zu diesen dekadenten Verhältnissen führen, auch die Ladenpreise entlang der Berger Straße sorgen dafür, dass dort Stück für Stück nur noch die Herrschaften mit den dickeren Portemonnaies einkaufen, essen und trinken gehen können.

Ein Beispiel dafür werden wir Anfang nächsten Jahres sehen. Ein seit vielen Jahren ansässiger, völlig szene-untypischer und recht günstige Chinese auf der Berger Straße musste nun seine Pforten schließen, da die Pacht für seinen Laden erhöht wurde und nicht mehr bezahlbar war, so hört man. An dieser Stelle wird man künftig sicherlich nicht mehr für wenig Geld satt, angeblich soll dort der x-te Burgerladen Frankfurts eröffnen. Bestimmt mit total tollem Fleisch aus der Region, super gesunden Öko-Salaten und biologisch wertvollen Brötchen. Und mit Sicherheit gegen Einwurf großer Scheine. Ich hoffe jedoch, dass ich mich mit dieser Prognose täusche und nächstes Jahr endlich mal mit einem Mc Double für 1,49 Euro über die Berger Straße flanieren und dem belegten Körnerbrötchen für 3,50 Euro schräg gegenüber nett zuwinken kann. Das wäre für mich Vielfalt.

Diese Entwicklung, die jeder einigermaßen sozial und vernünftig denkende Mensch anprangern würde, sorgt jedoch nicht für Kritik, sondern sie sorgt dafür, dass die beschriebene Nordend-Spezies unter sich bleibt. Und das scheint es zu sein, was die vermeintlichen Freigeister offensichtlich möchten.

Und was sagt die Politik dazu? In einem Artikel der Frankfurter Rundschau vom 23.Dezember 2012 blickt die Nordend-Ortsvorsteherin Karin Guder (Grüne) auf das Nordend-Jahr 2012 zurück. Über Nordend-typische Probleme wie Gentrifizierung, die extrem überzogenen Miet-, Wohnungs- und Ladenpreise und das schief liegende soziale Niveau verliert Frau Guder jedoch kein einziges Wort. Ihr geht es vor allem um die Bäume. „Wie süß“, könnte man verniedlicht sagen, wenn es nicht so traurig wäre.

Denn genau das ist die aus meiner Sicht völlig unbrauchbare Grünen-Klientelpolitik, die das Frankfurter Nordend immer weiter zu einem nicht mehr lebenswerten Stadtteil macht, sofern man seiner Part-Time Lebenspartnerin keine schadstofffreie Yoga-Matte mit zugehöriger Jahresmitgliedschaft zu Weihnachten geschenkt hat.

Es geht stark bergab im Frankfurter Nordend, in dem es zu viele intellektuelle Weinstuben und zu wenig Binding Römer Pils Flaschen gibt. Es fehlt die ursprünglich mal auf der Nordend-Fahne stehende Vielfalt, deren Abwesenheit man auch an dem symbolisch gemeinten Missverhältnis zwischen teuren Szene-Bäckereien und günstigen Backstationen erkennt.

Und solange die Öko-Biedermeier unter sich bleiben und von ihrer erklärten fossilen Lieblingspartei früherer Zeiten befeuert werden, deren größtes Problem einige Bäume sind, wird sich daran auch nichts ändern. Ganz im Gegenteil. Karin Guder, not my Ortsvorsteherin.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

1 KommentarHinterlasse einen Kommentar

  • Etwas polemisch, aber doch sehr treffend bemerkt. Ich bin vor 5 Jahren aus dem Nordend ins Gutleut-Viertel gezogen, u.a. auch, weil mir die ganzen Multikultispießer auf den Sack gehen, die ausschließlich unter sich leben können und dann genauso agieren wie das konservative Bürgertum, mit dem politisch ja auch sehr fein paktiert wird in FFM. Wer Multikulti erleben will soll Samstags in der Münchner Straße einkaufen statt auf der Berger; besseres Essen gibt es da auch. Und günstiger.

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