Entschleunigte Eleganz mit Ello

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Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin niemand, der sozialen Netzwerken eine besondere Bedeutung beimisst. Es würde mich wohl nicht länger als 5 Minuten beschäftigen, wenn Unternehmen wie Facebook und Twitter über Nacht all ihre sozialen Netzwerke für immer vom Netz nehmen würden. Selbst ohne Backup würde ich nichts vermissen, weder die von mir erstellten Inhalte, noch die von anderen Usern. Dennoch kann ich es verstehen, dass viele andere Benutzer solcher Netzwerke im ersten Moment glauben würden, dass ihnen etwas fehlen würde.

Wir Menschen neigen zu fest eingefahrenen Verhaltensmustern, aber wenn wir in unserer Einkaufsstraße plötzlich feststellen müssen, dass unsere Stammbäckerei über Nacht für immer die Pforten geschlossen hat, dann kaufen wir unsere Brötchen eben bei einem anderen Bäcker.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir in einer Welt leben, in der uns sehr viel mehr angeboten wird, als wir eigentlich brauchen. Alles ist mehrfach vorhanden, in verschiedenen Ausführungen, Geschmacksrichtungen und Preiskategorien. Ähnlich ist es auch im Netz. Schließt ein Dienst, benutzen wir eben einen anderen. Gefällt uns ein Angebot nicht mehr, begeben wir uns zur Konkurrenz.

Da es sich bei sozialen Netzwerken im höheren Sinne lediglich um Spielzeuge handelt, und da wir offenbar eine Menge Zeit zu verschenken haben, spielen wir mal hier, mal dort oder sogar überall gleichzeitig. Da kann man sich als Benutzer schon mal fragen, welche der multiplen Netz-Persönlichkeiten diese total wichtige Statusmeldung denn an welchem Ort zum Besten geben sollte.
Vielleicht bei Twitter, wo Ruhm und Ehre in Form von Favs großzügig vergeben und Egos per Default von immer den gleichen Leuten gestreichelt werden?
Oder lieber bei Facebook, wo die spröde Verwandtschaft mitlesen könnte, die sowieso nur Bahnhof versteht, und man sich eventuell auch noch lästigen Kommentaren stellen muss?
Lieber bei G+, wo sich die Statusmeldung etwas einsam fühlen und aufgrund mangelnden Feedbacks uninteressant wirken könnte?
Bei App.net, um auch das zahlende Publikum zu bedienen?
Eventuell sogar bei Xing, wo die Arbeitskollegen und Geschäftspartner jede Aktivität kritisch beäugen, wo man in erster Linie darauf bedacht ist, die seriöse Fassade zu wahren und wo einem Armeen von Bewerbungsfotos künstlich entgegen lächeln?
Oder vielleicht per ausgeklügelter Automatik in all diesen Netzwerken gleichzeitig?

In diese wichtige Fragestellung moderner Luxusprobleme mischt sich seit neuestem noch ein weiteres soziales Netzwerk ein. Dieses Netzwerk hört auf den Namen Ello und möchte sich die immer größer werdenden Vorbehalte gegenüber den Werbe- und Datensammelaktivitäten anderer Netzwerke zu Nutze machen. Die innere Haltung zu solchen Aktivitäten mündet bei Ello in folgendem Manifest:

Ello Manifesto
Your social network is owned by advertisers.

Every post you share, every friend you make, and every link you follow is tracked, recorded, and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold.

We believe there is a better way. We believe in audacity. We believe in beauty, simplicity, and transparency. We believe that the people who make things and the people who use them should be in partnership.

We believe a social network can be a tool for empowerment. Not a tool to deceive, coerce, and manipulate — but a place to connect, create, and celebrate life.

You are not a product.

In diesen kurzen prägnanten Sätzen schwingt auch die Philosophie der Ello Macher mit, die man eventuell auf ein „Weniger ist mehr“ Statement zusammenfassen könnte. Denn einen solchen minimalistischen und vor allem werbefreien Ansatz findet man durchgängig im kompletten Konzept dieses Netzwerkes. Angefangen beim minimalistischen Ello-Logo, einem stilisierten Smiley in schwarz/weiß, wirkt das komplette Design der Ello-Website sauber, clean, elegant und aufgeräumt. Viele Weißflächen lassen den Benutzern Raum für Kreativität und Inhalte werden in den Fokus gerückt. Hierbei überlässt Ello seinen Benutzern die Art und Weise, wie Inhalte präsentiert werden sollen. Es gibt keinerlei Zeichenbeschränkung und auch Bilder können großformatig eingestellt werden.
Ello stellt seinen Benutzern hierfür eine gut durchdachte Eingabefunktion namens Omnibar zur Verfügung, in welcher mit verschiedenen Inhaltstypen gearbeitet werden kann, die in einzelne Container aufgeteilt werden. Auf diese Art und Weise sind auch lange Artikel gut darstellbar, die mit Texten, Bildern, Videos und Soundcloud Snippets arbeiten. Weiterhin gibt es bei Ello die Möglichkeit, Texte zur besseren Darstellung zu formatieren.

Die Interaktion zwischen Ello Benutzern gestaltet sich ähnlich wie bei anderen Netzwerken. Beiträge können kommentiert, geteilt, favorisiert und gebookmarked werden.

Den für soziale Netzwerke üblichen Stream teilt Ello in zwei Bereiche, die nichts anderes als Listen oder Ansichten sind. Es gibt die Liste Friends, in die man eben seine wichtigen Personen hinzufügen kann und es gibt die Liste Noise, in welche man alle anderen Personen schieben kann, die man nicht so intensiv verfolgen, auf deren Meldungen man aber nicht vollständig verzichten möchte.
Anders als andere Netzwerke, bei welchen undurchschaubare Algorithmen über unseren Kopf hinweg entscheiden, welche Inhalte wir präsentiert bekommen, möchte Ello nicht künstlich in den Stream eingreifen. Alleine die Benutzer sollen hier entscheiden, welche Inhalte sie sehen möchten.

Das elegante Design von Ello spricht insbesondere im amerikanischen Raum derzeit viele Künstler und Designer an, die überproportional häufig bei Ello vertreten sind. Überfliegt man in diesem frühen Stadium die Benutzer aus Deutschland, findet man hauptsächlich Twitter Benutzer, die diesen Dienst einfach mal ausprobieren möchten und erstaunlich viele Menschen, die in ihrer Bio verlautbaren, „Social Media Berater“ zu sein. Diese Verhältnisse werden sich aber mit steigender Benutzerzahl noch verschieben.

Da Ello niemals Werbung einführen und auch niemals persönliche Daten verkaufen möchte, suchen die Macher nach einem anderen Weg, dieses Netzwerk zu finanzieren. So möchte man in Zukunft von Zeit zu Zeit spezielle Funktionen anbieten, welche die User für einen kleinen Betrag zu ihren Konten hinzufügen und auf diese Weise Ello unterstützen können. Dennoch soll man Ello auch in Zukunft weiterhin komplett kostenlos nutzen können.

Auch Android und iPhone Apps möchte Ello längerfristig zur Verfügung stellen, wenngleich die Ello Website auch jetzt schon gut auf Smartphones und Tablets funktioniert.

Ello befindet sich derzeit in einer noch frühen Beta-Phase und einige der hier beschriebenen Funktionen sind derzeit noch nicht verfügbar. Die Ello Feature List informiert die Benutzer stets, welche Funktionen schon eingeführt und welche noch auf der ToDo-Liste stehen. Auch funktioniert Ello derzeit noch in einem Invite-Modus, so dass spontane Neuanmeldungen nur über Einladungen von bereits angemeldeten Benutzern möglich sind. Es sollte aber kein Problem sein, eine Einladung zu Ello zu bekommen.

Fazit

Mir persönlich gefällt Ello bisher außerordentlich gut. Nachdem ich seit einigen Monaten meine Aktivitäten bei Twitter komplett eingestellt habe (ich habe diese Banalität und das betteln nach Aufmerksamkeit einfach nicht mehr ertragen), war Ello für mich Grund, doch mal wieder etwas ins Internet zu schreiben.
Würde sich Ello so entwickeln wie Twitter, also ein Netzwerk der Plattheiten werden, wäre ich auch bei Ello schnell wieder außen vor. Aber aufgrund der Tatsache, dass man bei Ello längere Texte und Gedanken formulieren und Beiträge kommentieren kann (bald), man es sogar fast als Blog benutzen könnte, habe ich bei diesem neuen sozialen Player ein ganz gutes Gefühl.

Ello sieht gut aus, lässt sich gut bedienen und ist vom Funktionsumfang her eine perfekte Mischung aus bereits vorhandenen Netzwerken. Werden alle Funktionen der Coming Soon Feature List umgesetzt, dann würde es mir bei Ello an gar nichts fehlen und ich wüsste keinen Grund, weiterhin andere Netzwerke bemühen zu müssen.

Im Gegensatz zu den lauten, bunten, hektischen und Algorithmus-gesteuerten Plattformen ist Ello für mich derzeit ein fast schon Zen-artiger Ort, der angenehm entschleunigt wirkt. Mal sehen, wie lange das so bleibt.

Über den Autor Alle Artikel Website

Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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