Frankfurter Shopping-Biotope und die Frankfurter Goethestraße

goethestrasse

Wie in wahrscheinlich jeder anderen Stadt, ist es auch in Frankfurt Usus, dass viele Läden hauptsächlich von einer ganz bestimmten Art Stammkundschaft besucht werden, die man ganzjährig so oder so ähnlich in der freien Shopping-Wildbahn beobachten kann.

So haben wir in Frankfurt zum Beispiel einen eigenen Laden für pubertierende Billig-Modemädchen, die mit stark erhöhter Pulsfrequenz und hektischen Flecken im Gesicht durch überfüllte Gänge hetzen, um für kleines Taschengeld mehrere große Papiertüten mit mehr oder weniger modischen Textilien zu erwerben.
Auch für Töchter und Söhne etwas besser betuchter Akademiker-Eltern, die als Möchtegern-Hipster meist gleichfrisurig nach mit Katzenbildern bedruckten T-Shirts stöbern, haben wir selbstverständlich ein adäquates Angebot.
Nicht zu kurz kommen auch Sekretärinnen und nicht zu Exzessen neigende junge Männer mit geordnetem Arbeitsverhältnis und ebensolcher Frisur, die großstädtisch durch die Auslage schlendern und lieber noch eine Bluse mehr einpacken, die man ja im Büro schließlich immer gebrauchen kann.
Und auch für eher praktisch veranlagte, meist ungeschminkte Natur-Pärchen, die Outdoor Kleidung auch gerne Indoor tragen und mit steigendem Alter selbst vor Trekking Sandalen nicht zurückschrecken, gibt es selbstverständlich einen eigenen Laden in der Mainmetropole.
Sehr gut versorgt sind in Frankfurt auch angestrengt intellektuell wirkende Technik-Schnösel, die immer noch denken, sie würde sich durch ihre überteuert gekauften Lieblingsprodukte von der Masse abheben, obwohl mittlerweile auch Max Mustermann und Susi Sorglos den Apfel leuchten lassen.

Ja, die Vielfalt ist groß und der Frankfurter Shopping-Gott hat für jedes seiner Schäfchen einen passenden Laden parat. Wir in Frankfurt gehen jedoch noch einen Schritt weiter. Wir begnügen uns nicht mit einzelnen Läden für bestimmte Gruppen, nein, für eine sehr spezielle Klientel haben wir mit der Goethestraße sogar eine komplette Straße reserviert, die zwar klein von der Fläche, dafür jedoch groß im Preis ist.

Zunächst sieht man sie nur durch die Autoscheiben sich im Schritttempo bewegender Luxuskarossen. Bevor sie in ein nahe gelegenes Parkhaus fahren, drehen sie einige Runden durch die Goethestraße, denn ein übertrieben teures Automobil wird erst dann zum Statussymbol, wenn möglichst viele gleichgesinnte Goethestraßenbesucher einen Blick auf die cremefarbene Lederausstattung geworfen haben. Hier würde man sich öffentlich lieber mit einer Scheidungsurkunde in der Hand, als mit einem billigen RMV Fahrschein erwischen lassen

Wenn sie trotz fortgeschrittenen Alters so dynamisch wie noch machbar ihren edlen Kraftfahrzeugen entstiegen sind und zu Fuß die Goethestraße bevölkern, kann man sie besser erkennen, die schlanken älteren Damen, die ihre aufwändig grundsanierten, sonnengegerbten und dick geschminkten Gesichter nicht lange vor die Schaufensterscheiben halten, sondern zielgerichtet und völlig selbstverständlich Luxusläden wie Prada, Louis Vuitton, Versace, Tiffany oder Cartier betreten.

Ausschließlich edler Schmuck baumelt von ihren schlappen Ohrläppchen und goldene Ketten mit diamantenen Applikationen umschließen die faltig gebrutzelten Hälse. Im Herbst tragen sie dünne Steppjacken zu beigen Tönen und die Haushaltshilfe wird schon wissen wie man den Staubsaugerbeutel wechselt.

Es ist ein Lebensgefühl fernab der üblichen Frankfurter Shopping-Hotspots, eine Ladeninfrastruktur mit erfahrenen Shopping-Assistenten, die ihre Champagnerflaschen nicht erst öffnen, wenn die goldene Kreditkarte gezückt wurde. Hier riecht man den Reichtum durch den kleinen Tiegel Tagescreme für 250 Euro. Hier wird nicht die Nase gerümpft und erst Recht nichts in Frage gestellt, solange die akzeptierten Zugehörigkeitsmerkmale passen. Der Wachmann hält die Tür auf, Bussi-Bussi, Prösterchen, jetzt lassen wir es uns gut gehen, denn wir sind die Gewinner und der Gärtner bläst das Laub.

Wer denkt, dies wäre eine vom Aussterben bedrohte Spezies, liegt falsch, denn für den Nachwuchs wird fürstlich gesorgt. Auffallend häufig sieht man auf diesem Luxuspflaster, wie ältere Damen der Goethestraßengesellschaft ihre Töchter in diese Scheinwelt einführen. Untergehakt, etwas weniger geschminkt, natürlich blond, dezenteres Gold, etwas moderneres Bad Homburg-Beige und stets lächelnd das wartende Vermögen im Sinn, sieht man das junge Ebenbild mit der goldenen Mutter flanieren.

Ja, auf der Frankfurter Goethestraße weht ein ganz besonderer Spirit, den es gelegentlich einzuatmen lohnt. Der Duft von teurem Parfüm, schwerer Schminke, sonnengegerbter Haut und frisch gestärkter Kleidung liegt in der Luft, Gold, Diamanten und künstlich weiße Zähne blitzen in der warmen Herbstsonne um die Wette, und das Lebensgefühl von Dallas und Denver Clan wird wie ein bizarres Aushängeschild stolz zur Schau getragen.

Nur die dort in Massen auftretenden Japaner stören das klischeebeladene Straßenbild gelegentlich ein wenig. Aber die Karikatur einer Upperclass braucht auch immer einen adäquaten Gegenpol. Und sei es nur zum Naserümpfen.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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