Ich habe sie nie nach einem Wurstbrötchen gefragt

wurstbroetchen

Einmal schrieb ich der Unternehmenszentrale meines bevorzugten Supermarktes um die Ecke eine E-Mail. Ich beschwerte mich über eine permanent extrem unfreundliche, ja fast schon verbittert auftretende Verkäuferin hinter der kombinierten Wurst- und Brottheke, die das Brot stets auf einem Schneidebrettchen teilte, auf dem sie vorher Wurst geschnitten hatte. Zu allem Überfluss benutzte sie dafür auch immer das gleiche Messer. Ich wollte nicht länger hinnehmen, dass mein Marmeladenbrot des Öfteren nach Fleisch- oder Mettwurst schmeckte, weil kleine Wurstzipfelchen am Brot klebten.

Außerdem teilte ich in dieser E-Mail meine Verärgerung darüber mit, dass die gleiche Verkäuferin seit vielen Monaten konsequent auf die Benutzung der Brötchenzange verzichtete und die Brötchen immer mit ihren – und das meine ich nicht anatomisch – Wurstfingern aus der Auslage holte, um sie in die Papiertüte zu packen. Selbstverständlich hatte ich diese Beschwerden der Verkäuferin schon mehrfach persönlich vorgetragen, wofür sie allerdings wenig Verständnis zeigte und lediglich mit weiteren einsilbigen Unfreundlichkeiten reagierte.
Nach einer dieser Beschwerden hatte ich fast den Eindruck, dass sie sich, wenn sie mich von ihrer Theke aus den Supermarkt betreten sah, absichtlich intensiv und bloßhändig mit Würsten aller Art beschäftigten würde, nur um meine Brötchen mit einer ganz besonderen Bösartigkeit und unter demonstrativ zur Schau gestellter Ignoranz der Brötchenzange aus der Auslage zu nehmen, um ihnen mit ihren Händen die besondere Wurstnote zu verleihen, aber vor allem, um mich vorsätzlich zu ärgern.

Der Konzern antwortete auf meine E-Mail, dass dies natürlich nicht akzeptabel wäre und sie dem Fall nachgehen würden. Drei Woche später war die Verkäuferin plötzlich weg. Einfach so. Und irgendwie hatte ich plötzlich ein schlechtes Gewissen. Ich stellte mir vor, dass diese Frau durch meine Schuld nun eventuell Arbeitslos sein könnte. Vielleicht könnte sie nun ihre Familie nicht mehr ernähren oder ihre Schulden nicht mehr zurück bezahlen. Außerdem war ich mir sicher, dass diese Frau aufgrund ihres für den Job der Wurst- und Backwarenverkäuferin eher nur mittelmäßig geeigneten Wesens, nie wieder eine Anstellung in diesem Bereich finden würde. Wer würde denn eine solch verbitterte Frau einstellen? Eine Frau die sämtliche hygienischen Richtlinien systematisch und absichtlich ignorierte. Eine Frau, die ich in all den Jahren als Kunde niemals habe lächeln sehen, noch nicht mal ein wenig. Eine Frau mit einer bösartig-destruktiven Unfreundlichkeit wie Grumpy Cat.

Einige Wochen später stand sie aber wieder hinter der altbekannten Theke. Wahrscheinlich war sie in der Zwischenzeit nur krank, hatte Urlaub oder arbeitete in Rotation kurzfristig in einer anderen Filiale. Obwohl ich ein wenig erleichtert war, nicht für ein einschneidendes Ereignis in ihrem Lebenslauf verantwortlich zu sein, war es nicht gerade ein Gefühl der grenzenlosen Freude sie wieder an Ort und Stelle zu sehen. Denn nun würde mein Marmeladenbrot wieder nach Wurst schmecken und nun würde sie mir die Brötchen wieder mit ihren bloßen, nach Wurst riechenden Händen aus der Auslage holen. Und so kam es auch.

Einige Zeit später wurde der komplette Supermarkt umgebaut und modernisiert. Die Backwarentheke ist nun nicht mehr ganz so unmittelbar Bestandteil der Wurst- und Fleischtheke und jeder Bereich verfügt nun klar erkennbar über eigene Utensilien, wie Schneidebrett und Messer. Außerdem scheint man für die Mitarbeiter eine Art Rotationsverfahren eingeführt zu haben, was dazu führt, dass man in diesem Supermarkt nicht mehr stets dasselbe Personal antrifft. Manchmal arbeitet besagte Dame jedoch immer noch in dieser Filiale und immer noch pendelt sie zwischen Wurst- und Backwarentheke hin und her. Die Brötchen holt sie allerdings nun konsequent mit der Brötchenzange aus der Auslage. Manchmal habe ich sie sogar schon mit weißen Gummihandschuhen hinter der Fleischtheke gesehen.

Ein Lächeln oder gar ein freundliches Wort kommt aber weiterhin nicht über ihre Lippen. Nicht gegenüber mir und auch nicht gegenüber anderen Kunden, die vor oder nach mir von ihr bedient werden. Obwohl ich gar nicht weiß, ob meine damalige, an den Konzern gerichtete Beschwerde jemals bei ihr ankam, und obwohl ich in meiner damaligen E-Mail nicht ihren Namen nannte, den sie für jeden Kunden sichtbar auf einem kleinen Messingschild an ihrer Schürze trägt, kommt es mir fast so vor, als würde sie ahnen, dass ich damals eine Beschwerde an ihren Arbeitgeber richtete und dass sie es war, die ich damit meinte. Als würde sie ahnen, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Als würde sie ahnen, dass ich mir heimlich Grumpy Cat Bilder im Internet anschaue.

Auch wenn es keine große Freude ist, müssen wir weiterhin miteinander zurechtkommen und zivilisiert in Sachen Backwaren kommunizieren. Nach einem Wurstbrötchen werde ich sie aber niemals fragen.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

3 CommentsHinterlasse einen Kommentar

  • Ich musste über deine ausführliche Beschreibung sehr lachen. Und bei einem Punkt habe ich das wohl auch laut bejaht: Als du dachtest, sie wäre womöglich wegen dir entlassen worden. Aus diesem Grund beschwere ich mich nämlich sehr selten über Verkäufer oder Dienstleister, mit deren Arbeit oder Verhalten ich nicht zufrieden bin. Weil ich nicht will, dass die Person meinetwegen ihren Job verliert. Glücklich bin ich aber damit auch nicht, weil die Person ja offensichtlich selbst ein Problem mit ihrem Job hat. Kann in diesem Fall überhaupt jemand gewinnen? Es ist in meinem Fall also weniger eine Mettwurst, vielmehr ein Fleischwurstkringel ohne Ende.

    • Ich möchte auch nicht, dass wegen mir jemand seinen Job verliert. Deswegen nannte ich in der Mail auch nicht ihren Namen. Andererseits hätte jeder einigermaßen aufmerksame Filialleiter sofort wissen müssen, wer mit der Beschwerde gemeint war. Falls man seitens der Zentrale solche Beschwerden überhaupt weiterleitet.

      Aber ich hoffe natürlich, dass man in einem solchen Konzern nicht gleich entlassen wird, wenn sich ein Kunde beschwert. Ein schlechtes Gewissen hatte ich trotzdem.

  • Lustige Story mit trauriger Wahrheit. Ich meide auch so manche Theke, an der immer wieder die gleichen hygienischen Sorgfalten verletzt werden. An ganz anderer Stelle – im Baumarkt – musste ich mich schon für eine freundliche Nachfrage mit den Worten „Sie können sich ja über mich beschweren!“ beschimpfen lassen. Da – und auch in Euren Erlebnissen – wird deutlich, warum ihr kein schlechtes Gewissen haben müsstet. Begeht z. B. die Verkäuferin trotz mehrfacher Hinweise den gleichen Fehler immer wieder und ignoriert die Wünsche des Kunden geflissentlich, so würde sie in letzter Konsequenz nicht wegen Euch sondern aufgrund ihrer eigenen Sturheit und Fehler gekündigt.

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