Jage zwei Crêpes mit Nutella – Meine Frankfurter Buchmesse 2013

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Bekleidet mit übertrieben groß kariertem Anzug, roten Socken und der üblichen Grotesk-Brille bestellte der hipsteresque Österreicher neben mir an der Imbissbude im breitesten Schmäh zwei Wiener Würstchen. „Mir habbe nur Frankfurter“ schnodderte die dicke Verkäuferin im besten Bauern-Hessisch und reichte dem Herrn aus Vienna zwei Würstchen mit Senf auf Wurstpappe. Äußerlich lachten sie kurz im Nieselregen. Und das Bier schmeckte schal.

Vielleicht hätte ich das Angebot der jungen Damen und Herren in Halle 3.1 annehmen sollen, die in Reih und Glied hinter ihren Stühlen standen und auf verspannte Literaturliebhaber warteten. Eine solche Kurzmassage im Sitzen war aber nur gegen den Einwurf kleiner Scheine möglich, und die etwas schwer verständliche Ansage, man könne je nach Zufriedenheit zwischen 10 und 40 Euro für diese 10-minütige Massage bezahlen, fand ich irgendwie unpassend.
Also verzichtete ich und freute mich trotz Rückenschmerzen, die sich nach 2 Tagen Nonstop Laufen und Stehen bemerkbar machten, über die vielen neuen Eindrücke, Inspirationen, Ideen und die immer größer werdende Gewissheit, dass das, was ich hier ins Internet schreibe, keinen Wert gegenüber auf Papier gedruckten Buchstaben hat. Du kannst dir für noch so viele Blogs den Arsch abbloggen, Worte um Worte in Datenbanken auf Servern ablegen, aber erst wenn du in der Lage bist ein Buch zu schreiben, erschaffst du etwas Zeitloses von längerem Bestand, das etwas mehr als eine Handvoll Bekannte für 1 – 2 Minuten interessiert. Und das ist nicht ungerecht, sondern verdammt fair.

Noch viel mehr als die Welt der Freunde des bedruckten Papiers ist die Frankfurter Buchmesse die Welt der vielen Autoren, die dort einmal im Jahr für ihre wenig beneidenswerte Arbeit geehrt werden. Und das schein bitter nötig zu sein, denn auf keiner anderen Buchmesse zuvor habe ich so häufig von Autoren die Äußerung gehört, dass der Prozess des Schreibens absolut keinen Spaß machen würde, sondern nur der Zustand des Geschrieben-Habens Befriedigung erzeugt. Das dann aber sehr nachhaltig.

Aber auch diejenigen Messebesucher, die sich nicht der schreibenden Zunft zugehörig fühlen, greifen auf ein recht ähnliches Befriedigungsmuster zurück, wenn sie ihre Kameras stets Griffbereit und auf Standby-Schaltung bei sich führen, um die an jeder zweiten Ecke wie aus dem nichts auftauchenden Promis für ihre 150 Facebook Freunde abzulichten. Der oft mit drängeln und drücken verbundene schweißtreibende Akt des Fotografierens macht viel weniger Spaß, als der Zustand des Fotografiert-Habens. Veranstalter von Dia-Abenden wissen davon ein Lied zu singen. Auch ich habe mich auf der Frankfurter Buchmesse eine Zeit lang dem Fotografieren von Promis hingegeben, bis ich derer irgendwann überdrüssig wurde und nur noch sporadisch das Smartphone zückte, das als Fotogerät für eine solche Messe im übrigen nicht besonders gut geeignet ist.

Viel lieber als zu fotografieren, lauschte ich bei dieser Frankfurter Buchmesse den Gesprächen – auf Bühnen und auch abseits davon. Um ein wenig frische Luft zu schnappen begab ich mich in einer selbst verordneten Pause zum Beispiel auf die Terrasse der Halle 3.1 und lauschte völlig unfreiwillig dem Gespräch zweier nachdenklicher Fachbesucher, die dort ihren Kaffee aus Pappbechern konsumierten. Nachdenklich ließen sie ihre Blicke gen wolkenverhangenen Himmel, vorbei am Panorama des Messeturms schweifen und philosophierten inbrünstig drauflos. Hier in Frankfurt würden schon bald große Burnout-Zentren entstehen, da Frankfurt schon jetzt ein eiskaltes Denkmal des Kapitalismus wäre. In keiner anderen Stadt Deutschlands, könne man sich so hautnah den moralischen Verfall unserer Gesellschaft vergegenwärtigen, wie in Frankfurt. Erst musste ich aufgrund der Ernsthaftigkeit des bedeutungsschwanger vorgetragenen Referats ein wenig schmunzeln, aber als die beiden Philosophen wieder in der warmen Messehalle verschwunden waren und mich in der trüben und nass-kalten Frankfurter Herbstluft alleine zurückließen, konnte ich nach einem nachdenklichen Rundumblick plötzlich ähnliches erkennen.

Interessant waren natürlich auch die mehr oder weniger gut inszenierten Gespräche mit Autoren. Zum Beispiel die auf dem blauen Sofa des ZDF. Sven Regener erzählte auf seine gewohnt liebenswert-schnodderige Art von seinem Trilogie Fortsetzungsroman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“. Sven Regener ist ganz einfach ein guter Typ, der viel Gespür für die kleinen Situationen hat, die sonst so gerne übersehen werden. Einen tollen Humor hat er obendrein. Sven Regener scheint völlig unbeeindruckt von seiner Umwelt einfach immer nur sein ganz eigenes Ding zu machen, womit er dann irgendwie immer erfolgreich ist. Was gibt es schöneres?
Über Konventionen oder Regeln scheint er sich darüber hinaus keine allzu großen Gedanken zu machen. Ob die gesprochene Sprache in Romanen in Anführungszeichen gesetzt werden müsse, wollte die Moderatorin ergründen. Für seine Dialoge habe er Anführungszeichen benutzt, weil diese Zeichen nun mal existieren, so Sven Regener. Kann man so oder so machen, ist beides okay. Ich mag Sven Regener, gesprochen, geschrieben aber vor allem gesungen.

Auch Wolfgang Niedeckens Talk auf dem blauen Sofa war interessant, wenngleich aufgrund des Themas deutlich ernster. Standesgemäß leger in blauem Jeanshemd gekleidet, sprach der Musiker über sein Buch „Zugabe“ das schwerpunktmäßig wohl seinen Schlaganfall thematisiert, von dem er sich augenscheinlich zum Glück wieder vollständig erholt hat. Wenn er die ganzen Pressetermine rund um sein neues Buch hinter sich habe, wolle er wieder anfangen neue Songs zu schreiben, sagte er.

Als politisch sehr interessierter Mensch hat mir auch noch gut der blaue Sofa Talk mit Jakob Augstein gefallen, bei dem es um sein neues Buch „Sabotage“ ging. Seine sehr interessante These, dass wir uns gesellschaftlich zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssten, beschäftigt mich noch heute und ich werde mir sein Buch kaufen, um mich weiter mit diesem spannenden Thema zu beschäftigen. Denn Augstein stellt offenbar nicht nur interessante Thesen auf, sondern fordert, zumindest habe ich ihn so verstanden, auch etwas mehr Radikalität und Politik unter Einsatz des Körpers. Und das sind Punkte, die im langweiligen Zeitalter von Internet Petitionen sehr wichtig sind. Vielleicht muss man manchen digital Natives sogar dringend erklären, dass Demonstrationen auch auf öffentlichen Straßen und Plätzen abgehalten werden können und ohne das Internet funktionieren.

Und dann war da noch die auf mich immer etwas weinerlich wirkende Helene Hegemann, die sich mit enger schwarzer Hose, Stiefeln, Kosmos-Shirt, schwarz lackierten Fingernägeln und ihren langen dünnen Haaren optisch so präsentierte, als wäre sie gerade von einem Metal Festival gekommen. So wie man Helene Hegemann jedoch kennt, ist dies nur wieder ein ironisch gemeinter Ausdruck der Abgrenzung von Freunden skandinavischer, von Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber der Kulturindustrie geprägter Gitarrenmusik.
Beim Thema Musik offenbarte Helene Hegemann dann auch gleich, dass ihr eigener Geschmack gar nicht so ungewöhnlich ist und obendrein ein waschechter Groupie in ihr steckt, indem sie erzählte, wie sie ihrer Ikone Madonna auf Tour von Amsterdam über Wien bis nach Moskau hinterher reiste.
Natürlich ging es in diesem Gespräch auch um ihr neues Buch namens „Jage zwei Tiger“, dessen Name auf Lyrics der Band Laibach basiert, die da lauten „Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll: Jage zwei Tiger!“ Ein durchaus grundsympathisches Motto, dass aus dem Mund einer 21-jährigen Autorin, die vom Feuilleton auch schon als Wunderkind bezeichnet wurde, jedoch etwas seltsam klingt.
Ich mochte weder Frau Hegemanns erstes Buch, noch das, was ich beim durchblättern ihres neuen Buches erhaschen konnte. Mir sind die endlos aneinander gereihten Monster aus Buchstaben zu konstruiert, zu hysterisch, zu gewollt und zu wenig gekonnt. Dennoch höre ich gerne zu, wenn die junge Dame von den etablierten Medien interviewt wird und über sich, die Gesellschaft und ihre Arbeit als Autorin so altklug spricht, als wäre sie schon viele Jahrzehnte im Geschäft. Und so war auch ihr Talk auf dem blauen Sofa für mich sehr unterhaltsam. Mit Helene ein Bier trinken gehen? Jederzeit!

Kurz habe ich auch noch Wolfgang Joop auf dem blauen Sofa gesehen. Da ich ihn aber erst einen Tag zuvor in einer Talkshow sprechen sah, reichte mir ein kurzer Eindruck.

Sehr interessant war auch die Veranstaltung mit Christiane F, die etwas Abseits in Halle 3.1 stattfand. In dieser gut besetzen Talkrunde ging es gar nicht so sehr um das neue Buch „Mein zweites Leben“ von Christiane Felscherinow, sondern vielmehr um Sucht und Suchtmittel und die Frage, warum wir süchtig werden und was wir trotzdem Wert sind. Diese Veranstaltung war sehr gut besucht und insbesondere viele Jugendliche fanden sich auf der Sitztribüne ein, die an ein Stadion erinnern sollte. Da am Freitag allerdings ohnehin sehr viele Schulklassen auf der Messe unterwegs waren, vermute ich hier einen Pflichttermin seitens der Schule.

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Christiane Felscherinows Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war ein Buch, dass mich in meiner Jugend sehr beschäftigte. Jeder wusste, dass man es bei diesem Buch nicht mit einem fiktionalen Roman zu tun hatte. Jeder konnte lesen, was Christiane F. alles erlebte, in welch abgefucktem Sumpf sie steckte. Diese Christiane F. nun leibhaftig vor sich sitzen zu haben, fühlte sich dann schon ein wenig komisch an. Natürlich auch deshalb, weil sie weder eine Autorin, eine Schauspielerin oder ein ausgewiesener Promi ist, sondern hauptsächlich eine Überlebende, deren Namen zwar fast jeder kennt, mit der jedoch vermutlich nur die wenigsten Menschen gemeinsam aus einer Flasche trinken würden. Eine merkwürdige Konstellation. Irgendwie.

Und als unmittelbar vor Beginn der Talkrunde der folgende Trailer gezeigt wurde, bekam ich für einen ganz kurzen Augenblick eine kleine Gänsehaut.

Video Christiane F. – Mein zweites Leben

Natürlich gäbe es noch sehr viel mehr zu berichten. Zwei volle Tage Buchmesse liefern Stoff für einige gehaltvolle Träume, für viele neue Projekte und für noch mehr Inspiration. Für mich ist die Buchmesse die mit Abstand interessanteste Messe des Jahres.
Erstaunlich gut funktionierte dieses Jahr übrigens auch die offizielle Buchmesse App, in der ich mir ganz wunderbar alle meine Termine entweder in meinen Kalender eintragen oder auf meine Favoritenliste setzen konnte. Für das großzügige Angebot, sich als über die Buchmesse berichtender Blogger akkreditieren zu lassen, gilt den Veranstaltern nicht zuletzt ein ganz besonderer Dank.

Es gibt nur einen Punkt, den die Messe Frankfurt wohl nie ändern wird und der mich bei jeder Veranstaltung immer wieder aufs Neue negativ überrascht. Und das ist die völlig unzulängliche Gastronomie mit ihren unverschämten Preismodellen. Selbst eine Filiale einer beliebigen Fast Food Kette würde den kulinarischen Faktor auf dem Messegelände aus meiner Sicht um Klassen steigern. Und so blieb für mich als hungrigen Messebesucher nur eine gastronomische Alternative übrig: Jage zwei Crêpes mit Nutella. Für 3,50 Euro das Stück. Dafür aber lecker.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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