Live Fast, Die Young – Warum wir protestiert haben

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Vielleicht war die Angst ein Stück weit übertrieben. Im Nachhinein ist sie das ja fast immer. Aber damals war sie sehr real. Für mich und für viele von uns.

Ausgehend von meinem Artikel über die Sendung ZDF log in, in der Jutta Ditfurth (Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt am Main) und Katharina Nocun (politische Geschäftsführerin der Piratenpartei) darüber sprachen, wie die heutige Generation protestiert, habe ich darüber nachgedacht, wie denn in meiner Frankfurter Jugend protestiert wurde. Und obwohl wir heute so viele technische Möglichkeiten mehr als damals haben, sind die heutigen Proteste in Deutschland ein Witz gegenüber den damaligen, so viel sei bereits verraten.

Proteste kann man natürlich nicht miteinander vergleichen, denn jede Zeit hat ihre eigenen. Und obwohl ich weit davon entfernt bin eine entweder/oder Haltung einzunehmen, Protestformen gegeneinander aufzuwiegen oder gar über ganze Generationen zu urteilen, komme ich beim Vergleich der zur Verfügung stehenden Mittel zu dem Schluss, dass Techniken wie das Internet nichts mit Protesten zu tun haben, auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird. Proteste haben viel mehr mit den beiden sehr starken Antriebswellen Wut und Angst zu tun. Von beidem hatten wir damals ziemlich viel.

Bis vor wenigen Jahren blieb massenhafte Empörung weitestgehend aus. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Als Frankfurter habe ich jedoch in den letzten zwei Jahren mit den Blockupy Protesten wieder einigermaßen große Demonstrationen in meiner Stadt erlebt. Für mich waren diese Demos eine Art Wende in der präsenten öffentlichen Meinungsäußerung, die lange Zeit vollgefressen und bequem auf der heimischen Couch gelegen hat. Das war früher anders. Ganz anders.

Ich kenne Demonstrationen seit meiner Kindheit und sehr frühen Jugend. Ich bin quasi als Demonstrant aufgewachsen. Dazu führte sicherlich ein Stück weit mein persönliches Umfeld, meine Schule und nicht zuletzt das eigene Elternhaus. Aber es war eben auch die blanke Angst, die uns früher auf die Straße trieb und die Sinne schärfte. Eine Angst, die es heute in dieser drastischen Form zum Glück nicht mehr gibt, zumindest nicht mehr in Deutschland. Es war die Angst vor vielfältigen realen Bedrohungen und die Wut über viel zu konservative Politik, die dazu in der Lage gewesen wäre, unser Haus, unsere Stadt, unser Land und ganz Europa komplett zu zerstören.

Angefangen hat es mit der sehr realen Angst vor einem Atomkrieg, der sich hauptsächlich über europäischem Raum abgespielt hätte. Es ging um den Nato-Doppelbeschluss, der unter anderem die Stationierung von atomar bestückten amerikanischen Mittelstreckenraketen namens Pershing II und Marschflugkörpern namens Cruise Missiles auf deutschem Boden vorsah. Diese Stationierung sollte die Antwort auf sowjetische SS-20 Raken sein, die ebenfalls mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet waren. Solche Raketen hätten Moskau von Europa aus jederzeit ohne große Vorwarnzeit treffen können. Es bestand die Gefahr, dass die Amerikaner einen drohenden Atomkrieg auf europäischen Boden austragen würden, ohne dass ihr eigenes Land davon betroffen wäre, so zumindest die Theorie. Auch in Deutschland sollte eine Vielzahl dieser nuklearen Raketen stationiert werden. Unser Nachbar war der Atomsprengkopf und wohnte quasi direkt um die Ecke. Während des Höhepunkts der atomaren Aufrüstung Mitte der 80er Jahre, lagerten unglaubliche 7.300 US-Atomwaffen in Europa. Dazu kamen weitere Atomsprengköpfe aus Großbritannien und Frankreich, die in mehr als 130 speziellen Depots in Westdeutschland untergebracht waren.

Gegen diese verniedlicht ausgedrückte „Nachrüstung“, gab es verständlicherweise über Jahre hinweg eine Vielzahl an Protesten. Diese Demonstrationen waren keine gemütlichen Sonntagspaziergänge, sondern Aufläufe mit Hunderttausenden Teilnehmern. Am 22. Oktober 1983 demonstrierten sogar 1,3 Millionen Menschen Bundesweit gegen diese so genannte Nachrüstung.

Aber die Endphase des Kalten Krieges war nicht der einzige Grund massiv auf die Straße zu gehen. Demonstriert wurde in Frankfurt auch gegen die Startbahn West, gegen Nazis, gegen Atomkraft und für Frieden. Ostermärsche und Studentenproteste hatten Hochkonjunktur. Demonstrationen gab es ständig aus gutem Grund und fast an jeder Ecke. Es war eine intensive politische Zeit.

Als die Sowjetunion kein Geld mehr hatte um die Grundbedürfnisse ihrer eigenen Bevölkerung zu decken, fing langsam ein Umdenken an, weil man Atomsprengköpfe ja nicht essen kann. Also wurden erste Schritte zur Abrüstung dieser atomaren Mittelstreckenraketen unternommen. Das war gut, aber für uns war die Unsicherheit noch nicht vorbei, denn parallel dazu fand 1986 die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl statt.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir eines Tages an einer Kiesgrube feierten. Irgendwann fing es an zu regnen und als wir alle klatschnass waren und der Regen nicht aufhörte, setzen wir uns in das Auto eines Freundes und schalteten das Autoradio ein. Dort sagten sie, dass man sich nicht bei Regen im Freien aufhalten sollte, da dieser eventuell radioaktiv belastet sein könnte. Für uns war das zu spät, wir waren sogar bei Regen in der Kiesgrube schwimmen. Das ganze Ausmaß der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl wurde erst nach und nach klar und hatte zur Folge, dass wir uns ein weiteres Mal stark bedroht fühlten. Und dann wurde wieder demonstriert.

Zu der damaligen Zeit habe ich mir nichts vorgemacht. Ich war mir relativ sicher, dass ich nicht sehr alt werden würde. Ich war mir sicher, dass durch einen Atomkrieg schon bald alles in Schutt und Asche liegen würde. „Live Fast, Die Young“, das sagte man zwar immer so cool, aber irgendwie war das tatsächlich ein Teil unseres damaligen Lebensmottos. Mit Weltuntergangsmusik in den Ohren und Punk Attitüde im Verhalten. Alt werden wir sowieso nicht. Alles ist egal. Party hard. Party often.

Natürlich hat sich gegenüber damals die heutige politische Lage stark beruhigt. Die heutigen Konservativen wären damals fast links der Mitte gewesen und fast schon historische Schlagworte wie der Kalte Krieg, der NATO-Doppelbeschluss, die atomare Aufrüstung, Pershing Raketen, Tschernobyl, Terror durch die RAF oder auch die in dieser Auflistung unpassend erscheinende Startbahn-West, sind heute zum Glück nur noch Geschichte. Es gibt in Deutschland dieser Tage offenbar nur noch wenig, für das es sich massiv zu protestieren lohnt. Und wenn massiv demonstriert wird, dann gegen Dinge wie einen Bahnhof oder eben gegen die Rolle unseres Landes in der Finanzkrise. Ohne Frage sind das wichtige Themen, die zum Teil unsere Weichen für die Zukunft stellen, aber sie sind glücklicherweise nicht dazu geeignet, die Angst ums überleben zu schüren.

Wir können unsere Stimmen zwar mittlerweile digital erheben und ganz viele Online-Petitionen unterzeichnen, aber dieser Internet-Protest gleicht mehr einem Videospiel, in dem man seinen Formel Eins Boliden am Monitor, anstatt auf der Asphaltstrecke um den Nürburgring lenkt. Heute haben wir immer mehrere Leben, früher hatten wir nur eines. Und diejenigen, die keine Spielkonsole haben, lassen wir komplett außen vor.

Und natürlich, wenn man sich noch einmal das bereits eingangs erwähnte Talk-Show Gespräch um die heutige „Generation Hashtag“ vor Augen führt, und dies dann mit der Einkaufsstraßen-Realität abgleicht, dann fällt es nicht sonderlich schwer, gehässig zu sein und zu behaupten, dass die größte Angst heutiger Jugendlicher die zu sein scheint, dass am späten Nachmittag die süßen Teigkringel bei Dunkin Donuts ausverkauft sind und es im Café kein WLAN gibt. Aber das stimmt so vermutlich nicht.
Und selbst wenn dies für einige in sich ruhende Individuen der Fall sein sollte, dann gibt es keinen Grund dafür dies künstlich ändern zu wollen. Es geht nicht immer nur darum wie die heutige Generation protestiert, sondern eben auch darum, ob und warum sie dies tun soll. Demonstrationen und Proteste sind nun mal kein Selbstzweck.

Jede Zeit hat ihre Generation, ihre eigenen Themen und ihre eigenen Proteste. Und dass die heutigen Proteste sehr viel weniger aus blanker Angst heraus entstehen als dies früher der Fall war, ist grundsätzlich eine hervorragende Entwicklung. Darüber hinaus justieren sich Proteste in ihrer Verhältnismäßigkeit ganz automatisch selber, wenn ein Thema mehr auf der Straße ausgetragen wird, während für ein anderes Thema vorrangig online votiert werden soll.

Wenn es aber um breite Massenproteste geht, dann ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Generationen, sowie aller gesellschaftlicher Schichten immer noch der vereinte Gang auf die Straße und nicht das gemeinsame Mausklicken. Tatsächlich privilegiert sind diejenigen, die beides können. Tatsächlich engagiert diejenigen, die beides tun.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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