Macht, Geld, Politik, Außerirdische und die Schachweltmeisterschaft 2014 in Sotschi

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Im November 2013 wurde der damals erst 22-jährige Norweger Magnus Carlsen Schachweltmeister. In einem relativ einseitigen Kampf, bezwang er in der indischen Stadt Chennai seinen Kontrahenten Vishy Anand und fügte seinem Status als Weltranglistenerstem mit dem Weltmeistertitel einen weiteren wichtigen Meilenstein hinzu.

Das Jahr 2014 gestaltete sich für Carlsen weiterhin erfolgreich. Nach zwei Turniersiegen Anfang des Jahres gewann Carlsen im Juni auch die beiden Weltmeistertitel im Schnell- und Blitzschach und hält damit alle verfügbaren FIDE-Weltmeistertitel in Einzelwettbewerben in seinen Händen.

Am 7. November 2014 wird es für Magnus Carlsen wieder ernst. Als amtierender Schachweltmeister muss er dann zum ersten Mal seinen Titel verteidigen, und zwar ausgerechnet gegen Vishy Anand, dem er im letzten Jahr den Titel abnehmen konnte und der sich aktuell in blendender Form präsentiert. Unisono gehen die Schachexperten davon aus, dass diese kommende Weltmeisterschaft für Carlsen nicht so leicht zu gewinnen sein wird, wie das im letzten Jahr der Fall war.

Erst seit wenigen Tagen ist allerdings klar, dass der amtierende Schachweltmeister Magnus Carlsen bei der kommenden Schachweltmeisterschaft überhaupt antreten wird. Das Team um Carlsen hatte sich viel Zeit mit der Unterzeichnung des WM-Vertrages gelassen. Kurze Zeit sah es sogar so aus, als ob Carlsen bei dieser Weltmeisterschaft nicht mit von der Partie sein würde. Erst kurz vor Ablauf der bereits verlängerten Frist, unterzeichnete Magnus Carlsen nach seinem Turnier in St. Louis den notwendigen Vertrag.

Für dieses lange zögern gab es einige ernst zunehmende Gründe. Wie so oft, geht es dabei um Macht, Geld und Politik.

FIDE, Politik und Außerirdische

Die Schachweltmeisterschaft wird von dem internationalen Schachverband FIDE ausgetragen, dessen Präsident der nicht ganz unumstrittene ehemalige russische Politiker und Multimillionär Kirsan Iljumschinow ist. Iljumschinow, über den berichtet wird, dass er als ehemaliges Oberhaupt der russischen Teilrepublik Kalmückien beste Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin unterhalten würde, ist eine schillernde Figur, die immer mal wieder für bizarre Schlagzeilen sorgt. So behauptete Iljumschinow zum Beispiel in einem TV-Interview im russischen Staatsfernsehen, dass er 1998 von Außerirdischen in gelben Raumanzügen entführt worden sei. Im Juni 2011 zeigte sich Iljumschinow dann während des Bürgerkriegs in Libyen bei einer Schachpartie mit Diktator Muammar al-Gaddafi.

Iljumschinow, der in der Vergangenheit immer mal wieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert wurde, ist bereits seit 1995 Präsident der FIDE. Im August 2014, während in Norwegen die Schacholympiade stattfand, wurde er nach einem Wahlkampf, der angeblich als einer der schmutzigsten Wahlkämpfe der Verbands-Historie gilt, mit 110 zu 61 Delegiertenstimmen wiedergewählt. Wohl auch deshalb, weil er mit einem imaginären 20 Millionen Dollar Scheck wedelte. Iljumschinow gab an, dass er eigentlich keine weitere Amtszeit geplant hätte und nur angetreten sei, um zu verhindern, dass sein Herausforderer die FIDE zerstören würde.

Sein Herausforderer war kein geringerer als der ehemalige russische Schachweltmeister Garry Kasparov, der selber von 1985 bis 1993 offizieller Weltmeister des Weltschachbundes FIDE war. 1993 kam es zwischen Kasparov und der FIDE zum Streit, woraufhin die Weltschachorganisation ihm den Weltmeistertitel entzog. Kasparov gründete daraufhin seinen eigenen Verband mit dem Namen Professional Chess Association (PCA) und organisierte eine eigene Schachweltmeisterschaft, die er gegen den Briten Nigel Short gewann.

Später engagierte sich Kasparov in der russischen Politik und positionierte sich als Kritiker Putins. Aufgrund verschiedener Aktivitäten wurde Kasparov mehrfach von der russischen Polizei verhaftet, zuletzt im Jahre 2012, während einer Demonstration gegen die Verurteilung von drei Mitgliedern der Punk-Rock-Gruppe Pussy Riot.

Vor dem Hintergrund der brisanten Historie der beiden Kontrahenten und der Tatsache, dass Schach in Russland einen hohen Stellenwert genießt, sowie des Umstandes, dass die nächste Schachweltmeisterschaft im russischen Sotschi stattfinden wird, darf vermutet werden, dass auch die große russische Politik in diesem Wahlkampf eine gewisse Rolle spielte.

Sponsoren und Ausrichter gesucht

Nachdem der Schachweltverband FIDE die Ausrichtung der Schachweltmeisterschaft 2014 ausgeschrieben hatte, traf bis zum Ablauf der Frist kein einziges Angebot ein. Ort und Sponsoren? Fehlanzeige. Daraufhin verlängerte die FIDE die Frist um rund anderthalb Monate und lies durch ihren Geschäftsführer gleichzeitig verlauten, dass sie, falls sie bis Ablauf der nächsten Frist kein Angebot erhalten würde, anerkennen müsse, dass das Produkt Schach nicht gut vermarktbar wäre.

Diese unreflektierte Schlussfolgerung darf jedoch stark bezweifelt werden. Mit dem jungen Titelträger Magnus Carlsen, der der erste westliche Schachweltmeister nach dem US Amerikaner Bobby Fischer ist, hat man nach langer Zeit wieder einen Weltmeister, der auch abseits des Schachbrettes für große Aufmerksamkeit sorgt. Nicht nur in seinem Heimatland Norwegen, wo Carlsen bereits Kult-Status besitzt und seine Spiele Live im Fernsehen übertragen werden, löste sein Gewinn der Weltmeisterschaft einen regelrechten Schach-Hype aus.

Auch aufgrund seiner Erscheinung, seiner charismatischen Ausstrahlung, sowie seiner leicht arrogant wirkenden Lässigkeit, ist Carlsen als Pop-Star des Schachs der Liebling der Medien geworden und wird nach seinem Titelgewinn allenthalben hofiert. In einer TV-Talkshow spielte Carlsen mit dem Microsoft-Gründer Bill Gates eine Partie Schach und während seiner US-Promo-Tour sah man Carlsen gemeinsam mit Facebook Gründer Mark Zuckerberg am Schachbrett sitzen.

Carlsen modelt für die Modemarke G-Star und zeigt sich der Öffentlichkeit abseits des Schachbrettes gerne als gut durchtrainierte Sportskanone. Man kann guten Gewissens behaupten, dass Magnus Carlsen dem etwas angestaubtem Schach international zu einem frischeren Image verholfen hat.

Wie kann es also sein, dass der Schachverband FIDE mit Carlsen als Weltmeister keine Angebote für die Ausrichtung und das Sponsoring der kommenden Schachweltmeisterschaft erhalten hat? Erklärbar ist dies nur damit, dass die FIDE es offenbar versäumt hat, das Produkt Schach, das durch Magnus Carlsen so etwas wie eine kleine Frischzellenkur erfahren hat, diversen Sponsoren genügend schmackhaft zu machen.

Es ist gut denkbar, dass diese Suche nach passenden Sponsoren unter einer FIDE-Präsidentschaft durch Garry Kasparov völlig anders und deutlich positiver verlaufen wäre. Denn Kasparov schafft es stets den Eindruck zu vermitteln, neue und innovativere Wege gehen zu wollen. Es wäre ihm durchaus zuzutrauen gewesen, dass er aus der kommenden Schachweltmeisterschaft ein vielbeachtetes Event hätte machen können, mit dem alle Beteiligten zufrieden gewesen wären. Nicht im November diesen Jahres und auch ganz sicher nicht im russischen Sotschi, aber vielleicht in New York, Paris oder ähnlichen attraktiven Orten und mit passenden Sponsoren.

Auf Twitter kommentierte Kasparov die nicht zufriedenstellende Entwicklung kurz vor den FIDE-Präsidentschaftswahlen wie folgt:

Auf die Frage, ob sich Garry Kasparov in Sotschi auch die Ehre geben würde, antwortete er übrigens:

Sotschi, Russland und der Ukraine-Konflikt

Mitte Juni 2014 gab der Präsident des Weltschachverbands FIDE, Kirsan Ilyumzhinov, plötzlich bekannt, dass die Weltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Vishy Anand vom 7. bis zum 28. November im russischen Sotschi stattfinden wird. Angeblich war es Wladimir Putin, der in der Presse auch schon als Ziehvater Ilyumzhinovs bezeichnet wurde, der den FIDE-Präsidenten darin unterstütze, Sotschi als Austragungsort auszuwählen. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation des Ukraine-Konflikts, kam dieser Austragungsort etwas überraschend. Die Situation in Russland ist angespannt und bietet derzeit vermutlich nicht das idealste Umfeld für ein internationales Sportevent.

Auch die Wahl dieses Ortes dürfte einer der Gründe gewesen sein, warum das Team um Magnus Carlsen, das angeblich nicht sonderlich zufrieden mit der Wahl des Austragungsortes ist, nicht umgehend den bereits erwähnten WM-Vertrag unterschrieb. Aber es gab noch weitere Gründe.

Unbekannte Sponsoren und EU- Sanktionen

Ein weiterer kritischer Punkt bei der Organisation dieser Schachweltmeisterschaft, ist der Umstand, dass die FIDE bis zum heutigen Tag noch nicht bekanntgegeben hat, welche Sponsoren das Turnier finanziell unterstützen werden. Zu diesem Thema konnte man zuweilen recht pikante Details in der Presse lesen. So soll Iljumschinow nach der Verkündung des Austragungsortes Sotschi im Juni angeblich erklärt haben, dass Alexander Tkachyov, der Gouverneur der Sotschi-Region Krasnodar Krai, einem Budget von 3 Millionen Dollar sowie einem Preisfonds von 1 bis 1,5 Millionen Dollar zugestimmt habe. Pikant an dieser Personalie ist, dass die Europäische Union in Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt kurze Zeit später Sanktionen gegen Tkachyov verhängte.
Das Team um Magnus Carlsen wäre aus diesem Grund wohl nicht dazu in der Lage, Geld von Alexander Tkachyov anzunehmen, weshalb er als Sponsor vermutlich nicht mehr in Frage kommen wird. Diese unklare Situation bezüglich des Sponsors oder der Sponsoren, dürfte ein weiterer Grund für die Verzögerung der Unterzeichnung des WM-Vertrags durch das Team Carlsen gewesen sein. Ein falscher Sponsor zur falschen Zeit, kann unter Umständen mehr Schaden anrichten, als Gutes zu tun.

Preisgelder, Vermarktung und TV-Rechte

Neben dem Austragungsort gab Ilyumzhinov Mitte Juni weiterhin bekannt, dass das Budget der kommenden Schachweltmeisterschaft etwa 3 Millionen Dollar betragen und der Preisfond sich im Rahmen von 1 bis 1,5 Millionen Dollar bewegen würde. Im Gegensatz zum Preisfond der Schachweltmeisterschaft der letzten beiden Jahre ist dies eine Verschlechterung von über 1 Millionen Dollar. Auch diese rückläufige Entwicklung des Preisfonds ist sicherlich nicht dazu geeignet, das Team Carlsen in Jubelstürme ausbrechen zu lassen.
Weiterhin macht das Thema TV-Rechte dem Team Carlsen einige Sorgen, da sie angeblich befürchten, dass die FIDE diese Rechte leichtfertig an das russische Staatsfernsehen verkaufen könnte. Wobei man sich natürlich die Frage stellen kann, ob es in Russland überhaupt genügend öffentliches Interesse an dieser Veranstaltung gibt, da kein russischer Schachspieler am Brett sitzen wird.

Um den im Vergleich zur vorherigen WM halbierten Preisfond auszugleichen und mit der eingetragenen Marke „Magnus Carlsen“ weiterhin wie gewohnt ordentlich zu wirtschaften, muss sich das Team Carlsen vermutlich verstärkt auf das Thema Vermarktung konzentrieren, worunter auch die Fernsehrechte zählen. Selbstverständlich dürfte das norwegische Fernsehen sehr starkes Interesse an entsprechenden TV-Rechten haben, da Carlsen dort als Nationalheld medial sehr intensiv begleitet wird.

Die sehr kurze Zeit zwischen Bekanntgabe des Austragungsortes und dem eigentlichen Event, dürfte es recht schwierig werden lassen, die Vermarktungsmaschinerie auf Höchsttouren zu bringen. Auch diese Tatsache dürfte nicht gerade zur vollständigen Zufriedenheit des Carlsen-Managements beigetragen haben.

Trotz dieser nicht zufriedenstellenden Gesamtsituation rund um die kommende Schachweltmeisterschaft 2014 in Sotschi, ist es Magnus Carlsen unabhängig aller finanziellen Betrachtungen hoch anzurechnen, dass er dennoch seinen Titel verteidigen wird. Hätte er darauf verzichtet, hätte die WM erheblich an Attraktivität verloren. Für Carlsen wäre der Russe Karjakin nachgerückt, der sich derzeit auf Platz 8 der Live Chess Ratings Liste befindet. Berücksichtigt man die Wiederwahl Iljumschinows, sowie die Tatsache, dass er die Schachweltmeisterschaft an Russland vergeben hat, könnte man sich vorstellen, dass die FIDE nicht ganz so enttäuscht über eine mögliche Absage Carlsens gewesen wäre. Im eigenen Land wäre ein russischer Anwärter auf den Titel möglicherweise besser angekommen, als ein westlicher Carlsen. Aber das ist selbstverständlich nur reine Spekulation.

Erstaunlich und faszinierend

Die ganze Geschichte um die kommende Schachweltmeisterschaft, aber insbesondere die vielen Geschichten rund um den Weltschachbund FIDE und seine Protagonisten, sind hochspannende Themen. Fängt man einmal an, sich mit diesem komplexen Thema rund um die FIDE zu beschäftigen, stößt man sehr schnell auf eine Menge Presseberichte zu Intrigen, Machtspielen, Korruption und weiteren Unappetitlichkeiten. Es geht um Macht, Politik, wirtschaftliche Interessen und eine ganze Menge Geld. Es geht um die große und stolze Schachnation Russland, um die kleine Republik Kalmückien und um riesige Mengen an Privatvermögen. Es geht um Wladimir Putin um Oppositionelle und letzten Endes geht es sogar um Außerirdische.

Es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen verworrenen Geschichten ein einfaches Brettspiel führen kann. Schach ist eben etwas ganz besonderes.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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