Mein feuchter LOHAS Traum vom Frankfurter Bio Nordend

Am Vorabend der Frankfurter Kommunalwahlen ging ich mit der festen Absicht zu Bett, meine 598 möglichen Stimmen auf die Kandidaten der grünen Partei des ökologischen Fortschritts zu verteilen. Vielleicht würde ich auch kumulieren oder gar panaschieren, das würde ich dann vor Ort entscheiden. Ich deckte mich mit dem 2 mal 2 Meter großen Musterstimmzettel zu und fiel frohen Mutes in einen politisch unkorrekten Schlaf.

In meinem Traum sah ich, wie mein Stadtteil, das Frankfurter Nordend, im grünen Glanze seine volle Pracht entfalten würde. Ich sah überdurchschnittlich gut verdienende Akademiker und selbst ernannte Kreative, wie sie in trendigen Marken-Ökoklamotten mit ihren Designer Fahrrädern zum Bio-Supermarkt fuhren, um sich für viel grünes Geld 100 Gramm fair gehandelte Nachhaltigkeit zu kaufen.

In den engen Hausfluren stilvoller Altbauten parkten 30-jährige Pärchen ihre trendigen Bugaboo Kinderwagen und luden ihre gleichgesinnten Nachbarn zu Ethical-Correctness-Getränken in ihre tapetenlosen Wohnungen mit Dielenböden und selbst lasierten Holzmöbeln ein.

Ich sah die typisch weiblichen Szene-Nordendlerinnen wie sie mit zusammengerollten Gymnastikmatten unter dem Arm überteuerte Yogaschulen stürmten, um ein zur grünen Grundausstattung gehörendes Monatsticket für ihre persönliche Entfaltung zu lösen.

Stylo Bionade-Biedermeier flanierten auf der Berger Straße und rümpften beim Anblick von Currywurst essenden Proleten geringschätzig blickend die Nase, um besserwisserisch in ihre Slow-Food Vollkornbratlinge zu beißen.

Die alternativen aber trotzdem trendigen Nordend Lifestyle Cafes waren voll von LOHAS, Scuppies und Biohèmes, die sich mit fair gehandelten Erfrischungsgetränken der Post Bionade Ära zuprosteten und sich über grüne Dinkelbrotpolitik unterhielten.

Ich sah debil grinsende Neo-Ökos, wie sie sich zum gemeinsamen Sehen und Gesehen werden vor der amtlichen Eisdiele für naturbelassenes Eis ohne künstliche Zusatzstoffe versammelten, um sich mit dem Erwerb von biologisch angebautem Fairtrade Kaffee ein Stück Szenezugehörigkeit kaufen.

Ja, das Frankfurter Bio-Nordend blühte in seiner ganzen Pracht. Konsumkritische Megakonsumenten versprühten eine angesagte “Changing The World” Spiritualität und waren mit dem Leben zufrieden, hauptsächlich aber mit sich selbst.

Gegen Mittag wachte ich nassgeschwitzt aus meinem Traum auf.
Ich zog mich an, frühstückte einen unfair fleischhaltigen Ring Fleischwurst mit Senf und brach auf, um meine Stimme abzugeben.
Auf dem Weg in das Wahllokal meines Wahlbezirks kam ich an einem gut besuchtem Kiosk vorbei. Ich kaufte mir ein Bier sowie eine politisch unkorrekte Zeitung, stellte mich zu der hiesigen Büdchenprominenz und genoss die vollständige Abwesenheit von Konsumententypen, die durch ihr Konsumverhalten und gezielte Produktauswahl Gesundheit und Nachhaltigkeit fördern wollten.

Ich fühlte mich gut im Inner Circle der Außenseiter und plötzlich wusste ich, dass ich meine geplante Stimmabgabe noch einmal überdenken musste. Ich trank noch einige weitere Flaschen Bier von Brauereien, die extra weite Anfahrtswege nach Frankfurt hatten und war mir plötzlich sicher, dass ich die Tags zuvor geplante Stimmabgabe nicht in die Tat umsetzen konnte.

Das blühende Frankfurter Bio-Nordend aus meinem feuchten LOHAS Traum schien mir plötzlich nicht mehr attraktiv zu sein. Es schien mir nicht mehr der Platz zu sein, an dem ich mich wohlfühlen würde. Die Übervölkerung von moralischen Hedonisten machte mir plötzlich große Angst. Ich ging wieder nach Hause und verzichtete auf meine Stimmabgabe.

Nie zuvor fühlte ich mich politisch korrekter.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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