The Afghan Whigs – Do To The Beast

The Afghan Whigs Do To The Beast Cover

Wer über die letzten Jahrzehnte ein wenig meinen Musikgeschmack verfolgt hat, der weiß, dass ich schon sehr lange ein großer The Afghan Whigs Fan bin. Das 1993 erschienene vierte Studioalbum namens „Gentlemen“ würde sogar in einen Pool von nur 5 Alben gehören, die ich auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde, da „Gentlemen“ auch heute noch eines der besten Alben aller Zeiten ist.

Nach diesem akustischen Höhepunkt veröffentlichte die Band aus Cincinnati / Ohio bis zum Jahre 1998 noch zwei weitere Studioalben, bevor sie sich 2001 vollständig auflöste. Zwar gab es in Form verschiedener Musikprojekte (The Twilight Singers und The Gutter Twins) weiterhin regelmäßig gute Musik von The Afghan Whigs Mastermind Greg Dulli zu hören, aber an die nur schwer steigerbare Qualität seiner früheren Band konnten diese Veröffentlichungen nicht anknüpfen.

Cause if I ever, if I ever face reality, I know, yes I know, that it´s gonna be the end of me.

Im Jahre 2012 gab es in Form zweier urplötzlich im Internet auftauchender Coverversionen erste Anzeichen einer neuerlichen Zusammenarbeit der Band um Greg Dulli. Besonders das Marie Queenie Lyons Cover „See And Don´t See“ stach dabei besonders positiv hervor und erinnerte den geneigten Musikliebhaber einmal mehr an die einzigartigen Fähigkeiten dieser Band, auf natürlich klingende Art und Weise Alternative-, bzw. Indierock mit spannenden Soulelementen anzureichern und dabei verdammt sexy zu klingen.

Es folgten einige Live Gigs der Band, untern anderem ein viel beachteter Auftritt gemeinsam mit dem amerikanischen R&B Sänger Usher beim South by Southwest (SXSW) Festival, bevor endlich das wahr wurde, was sich aufgrund der immer häufigeren Lebenszeichen der Band schon grob andeutete: die Band um Greg Dulli ging ins Studio und nahm nach 16 Jahren Pause ihr nunmehr siebtes Studioalbum auf, das auf den Namen Do To The Beast hört und in Europa am 14. April 2014 veröffentlicht wird.

Aber sind wir ehrlich, oft gehen solche Reunions stark nach hinten los und hinterlassen außer Enttäuschungen den faden Beigeschmack finanziell Getriebener zurück. Aus diesem Grund habe ich mir von kommenden The Afghan Whigs Album nicht besonders viel versprochen, auch deshalb nicht, da die beiden im Vorfeld veröffentlichten Songs „Algier“ und „The Lottery“ mich als isolierte Songs zunächst nicht vollständig überzeugten, sondern eher gemächliche Gemütlichkeit implizierten. Auch die Mitte Februar 2014 veröffentlichte Meldung, dass Gründungsmitglied und Gitarrist Rick McCollum nicht mehr Mitglied der Band sein würde und die Gitarrenparts auf dem neuen Album von wechselnden Gitarristen übernommen wurde, stimmte mich nicht gerade positiv. Denn unter anderem Rick McCollums Gitarrenarbeit machte für mich immer ein Großteil des originären The Afghan Whigs Sounds aus.

All diese Vorbehalte gegenüber dem neuen The Afghan Whigs Album namens „Do To The Beast“ kann ich jedoch nach nunmehr einem guten Dutzend Hördurchgängen großzügig und vollumfänglich beiseiteschieben, denn Do To The Beast ist weit mehr als nur ein solides Comeback der Band aus Cincinnati / Ohio geworden. Vielmehr haben wir es hier mit einem Album zu tun, das man völlig selbstverständlich in eine 1998 jäh unterbrochene Reihe von hochklassigen Afghan Whigs Alben einsortieren kann. Und es kommt noch besser, denn „Do To The Beast“ fügt sich nicht nur nahtlos in die tadellose Diskographie der Band ein, sondern steht mit dem vor 21 Jahren veröffentlichen Meisterwerk „Gentlemen“ mindestens auf einer Stufe oder ist vielleicht sogar das insgesamt beste Album, das die Band jemals veröffentlicht hat!

Mit Parked Outside startet „Do To The Beast“ mit einem Paukenschlag und einer für Afghan Whigs Verhältnisse heftigen Rocknummer, die von einem dominanten Beat angetrieben wird und breitbeinig frisch nach vorne rockt. Dieser Opener demonstriert anschaulich, dass die Band vor Selbstbewusstsein nur so strotzt. Dazu hat sie auch allen Grund, wie der weitere Verlauf des Albums zeigen wird.

Matamoros geht in eine ähnliche Richtung, lässt sofort die Nähe zu „Gentlemen“ erkennen und demonstriert darüber hinaus, wie gut Greg Dullis Vocals in Schuss sind. Dulli sagte dazu kürzlich in einem Interview, dass er heute mehr mit seiner Stimme machen kann, da er vor einigen Jahren aufgehört hätte zu rauchen. Obwohl Matamoros mit seinen 2:43 Minuten der kürzeste Song des ganzen Albums ist, gibt es hier nicht nur wegen der bandtypischen Oh-Oh-Backvocals mehr musikalische Sexiness zu hören, als auf kompletten Alben vieler jüngerer Bands.
Matamoros geht nahtlos in den nächsten Song It Kills über, der mit einem ruhigen Piano atmosphärisch beginnt, sich stampfend steigert und die besten Backvocals des gesamten Albums beinhaltet. Apropos Nahtloser Übergang: The Afghan Whigs waren schon immer Spezialisten darin, durch meisterhafte Übergänge verschiedenen Songs wie aus einem Guss erklingen zu lassen. Auf diesem Album hören wir diese Disziplin ganze zwei Mal.

Algiers ist eine der beiden vorab veröffentlichten Singles des Albums, erklingt mit akustischer Gitarre und entwickelt sich zu einem perfekten Popsong, zu dem man mit offenem Verdeck durch den warmen Sommerwind einer Tarantino Western-Filmkulisse fahren möchte. Natürlich mit der Liebsten im Arm und einer Zigarette im Mundwinkel.

Lost In The Woods beginnt bedrohlich düster und ist eine Achterbahn der Gefühle, in der die bedrohliche Grundstimmung des Songs immer wieder durch Dullis typische, hoffnungsverbreitende Refrains unterbrochen wird, die irgendwann Oberhand gewinnen und den Song sonnengleich überstrahlen.

The Lottery ist die zweite Vorabauskoppelung des Albums und eine solide Rocknummer, die mit Can Rova von einem der ruhigsten Songs des Albums abgelöst wird, der nur langsam weich wie Watte Fahrt aufnimmt und erst in der zweiten Hälfte seiner Spielzeit seine typisch Afghan Whigs gefärbte Grundstimmung einnimmt, in der Greg Dulli mit seinem Gesang wieder einmal den Knopf der Glückseligkeit drückt.

Die beiden nächsten Songs Royal Cream und I Am Fire sind als Einheit zu verstehen und gehen fließend ineinander über. Während erstgenannter virtuos rauerer Töne anschlägt und einmal mehr auf frühere Meisterwerke referenziert, bildet I Am Fire den von der Band so oft gehörten Antagonisten zum erstgenannten. In dieser perfekten Verschmelzung zweier gegensätzlicher Songs erkennt man erneut die ganz große Kunst dieses Albums.

Den gebührenden Abschluss des Albums bildet der Song These Sticks, in den die Band noch einmal alle so gern gehörten Afghan Whigs Elemente packt und zu einem absoluten Prachtexemplar vermischt. Dieser Songs ist vielleicht der Beste des ganzen Albums und in seiner stetig ansteigenden Dramatik schwer zu überbieten.

Aufgrund der sehr hohen Qualität der Songs ist es fast unmöglich Highlights zu benennen. Mit Do To The Beast legen The Afghan Whigs ein ganz wundervolles und atmosphärisches Album vor, das eine absolut homogene Einheit aus unglaublich hochwertigen Songs bildet und auch als solche konsumiert werden sollte. „Do To The Beast“ klingt nie bedeutungslos und hat keinerlei Schwächen. Dies ist in Zeiten, in denen Alben mit Hilfe von Füllmaterial häufig nur noch um einen oder zwei relevante Hits gebaut werden, eine sehr erstaunliche Tatsache, die man gar nicht laut genug betonen kann.

Einmal mehr zeigt sich, wie zeitlos The Afghan Whigs Songs sind und bereits vor über 20 Jahren schon waren. Mit offenem Mund wird der Hörer immer wieder an das The Afghan Whigs Referenzalbum „Gentlemen“ erinnert und stimmungsmäßig zwischen düsteren Stunden und aufklarenden Hoffnungsschimmern hin- und hergerissen. Diese neuen Afghan Whigs Songs begleiten dich durch die lange dunkle Nacht und sind immer noch bei dir, wenn die Nebelschwaden sich verziehen, der Morgen naht und du wieder neue Hoffnung schöpfst. Mehr kann Musik nicht leisten.

Ich lege mich fest, „Do To The Beast“ ist schon jetzt das Album des Jahres 2014. Und vielleicht wird der Band um Greg Dulli nun endlich die Ehre zu Teil, die sie schon seit über 20 Jahren verdient hätte. Wünschenswert wäre es auch, dass Do To The Beast viele neue The Afghan Whigs Fans finden wird, die sich schon jetzt auf die Entdeckung des wahnsinnigen Afghan Whigs Backkatalogs freuen dürfen. Es wird eine Entdeckungsreise, die sich mehr als lohnt, das kann ich versprechen.

The Afghan Whigs sind eine der besten und wichtigsten Bands der letzten 25 Jahre und „Do To The Beast“ ein Album, das ich mir seit 20 Jahren gewünscht habe. Vielen Dank dafür!

PS: Leider machen The Afghan Whigs während ihrer Tour keinen Halt in Frankfurt am Main. Wer die Band aber dennoch live in der Nähe erleben möchte, hat dazu beim Phonopop Festival in Rüsselsheim Gelegenheit, wo sie am Samstag, dem 12.07.2014 spielen werden.

PPS: Wer sich schon jetzt das gesamte The Afghan Whigs Album anhören möchte, findet einen offiziellen Stream des gesamten Do To The Beast Albums bei NPR Music.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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