Zu Gast auf dem 70 Jahre Frankfurter Rundschau Fest

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Die Frankfurter Rundschau war die dritte deutsche Tageszeitung, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Am 1. August 1945 erschien die erste, vierseitige Ausgabe dieser Zeitung und vermeldete auf der letzten Seite in eigener Sache: „Die erste Nummer unserer Zeitung müsste wenigstens zehn Seiten Umfang haben, um mit der Fülle von Stoff fertigzuwerden, den die Weltchronik zurzeit bietet. Aber wir haben nicht genug Papier!

Gestern, am 2. August 2015, feierte die Frankfurter Rundschau ihr 70-jähriges Jubiläum und lud zu diesem Anlass ihre Leserinnen und Leser zu einem Fest in die Redaktion in der Mainzer Landstraße ein. Da gibt es bestimmt so einiges zu feiern. Dachte ich.

Aufgrund der großen Tradition, der früheren großen Bedeutung und der Höhen und Tiefen dieser Zeitung, erwartete ich ein großes und rauschendes Fest.
70 Jahre Frankfurter Rundschau – von Auflagenverlusten, finanziellen Verlusten, Abonnentenverlusten und Stellenabbau gebeutelt, von mehreren Krisen heimgesucht, von Insolvenz bedroht und knapp dem Zeitungssterben entkommen, aber immer noch am Leben.
Wäre dies meine Vita – ich würde feiern als gäbe es kein Morgen mehr.

Die Frankfurter Rundschau ließ es jedoch eher gemächlich angehen.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann durfte zur Begrüßung einige warme Worte zum Jubiläum verlieren. Warme Worte von Krawattenträgern haben bestimmt Tradition, aber mal ehrlich, wen interessieren schon Grußreden von Bürgermeistern? Mich jedenfalls nicht. Und jedes Mal, wenn ich eine solche Grußrede über mich ergehen lassen muss, spielt in meinem Kopf der Song „Ich bin der Präsident“ von Reinald Grebe.

Nach der Präsentation der warmen Worte folgte das Bühnenprogramm zum Feste, nämlich einige Kurzgespräche von und mit Redakteurinnen und Redakteuren. In einem dieser Sets sprach man sogar über die neuen Möglichkeiten, die dieses Internet so bietet und versuchte mit Seitenstatistiken der Frankfurter Rundschau Facebook Seite zu beeindrucken. Auch ging man der spannenden Frage nach, ob denn die Frankfurter Rundschau überhaupt auf ein Smartphone passen würde. Kann man mal machen, muss man aber nicht mehr.

Das Wetter war gut und es wurde zunehmend wärmer und voller in dem sehr beengten Innenhof der Redaktionsräume in der Mainzer Landstraße. Zeit für ein Kaltgetränk. Dachte ich.

Also begab ich mich in den großen Raum, der wohl eigentlich ein italienisches Restaurant beheimatet, an diesem Tag jedoch eher den Charme einer Schulkantine versprühte. Dort wurden in einem separaten Raum Getränke an einer Bar verkauft. Ich stellte mich in die lange Warteschlange, die sich mittlerweile quer durch den Raum schlängelte und als ich nach ordentlicher Wartezeit endlich an die Reihe kam, eröffnete man mir, dass ich mit meiner Wertmarke, die man mir beim Einlass freundlicherweise überreicht hatte, lediglich einen Sekt bekommen könnte.

Ich wollte aber keinen Sekt und zückte das Portemonnaie, um mir ein kühles Bier zu kaufen, scheiß doch auf die Wertmarke. Nein, auch das gehe nicht, teilte mir der sichtlich genervte Barkeeper mit. Um ein Bier zu erhalten müsste ich erst mal um die Ecke gehen um mir am anderen Ende des Raumes eine Wertmarke zu kaufen. Dann müsste ich mich wieder in die lange Schlange stellen, um mir mit dieser Wertmarke dann das Bier kaufen zu können. Na klar doch, mein Freund. Das Fest zum 70-jährigen Jubiläum der Wertmarken ging mir zunehmend auf den Senkel.

Man veranstaltet also ein Fest zum 70-jährigen Jubiläum, erwartet bei 30 Grad und Sonne sicherlich den einen oder anderen Besucher, und stellt nur eine Ausgabestelle für Getränke bereit, an der man aber nichts kaufen kann. Clever gemacht, Frankfurter Rundschau. Gute Organisation sieht anders aus. Natürlich stellte ich mich nicht ein zweites Mal in die immer länger werdende Schlange, dazu fehlte mir die Geduld. Einer Dame, auf deren T-Shirt stand, dass sie die Eventleitung inne hätte, teilte ich meinen Ärger über diese absurde Getränkesituation mit, einfach so, da ich Lust auf Kommunikation hatte. Aber ich erntete nur ein auf mich feindselig wirkendes Schulterzucken.

Nun war ich richtig sauer und überlegte schon insgeheim, ob ich zu Hause beim Schreiben dieses Artikels aus lauter Bosheit den Titel „70 Jahre Frankfurter Rundschau Leserfest – Von Rollatoren und Trekkingsandalen“ wählen sollte. Immerhin sah ich beide Produkte auf diesem Fest überdurchschnittlich häufig vertreten. Ich habe mich dann aber dagegen entschieden, Ärger lässt man am besten vor der Haustür stehen, nicht aber in Überschriften.

Das Fest im Innenhof hatte für mich an Interessanz verloren, weshalb ich überlegte, mich einer Führung anzuschließen. Dabei hätte man in den Redaktionsräumen in einem der oberen Stockwerke Redakteurinnen und Redakteure bei der Arbeit zusehen können, so hieß es. Nun schaue ich gerne anderen Menschen bei der Arbeit zu und hätte das auch an diesem Tag gerne getan, aber für eine solche Führung musste man sich vor einem kleinen Fahrstuhl in einem schwitzigen Menschenpulk organisieren. Die Gruppe der an anderer Leute Arbeit Interessierten durfte erst dann nach oben an den Ort des Geschehens fahren, wenn die bereits vor Ort befindliche Gruppe wieder nach unten käme, so zumindest murmelte man in der wartenden Gruppe.
Nein, ich hatte bereits zur Genüge in einer Schlange gestanden – und das ohne trinkbaren Erfolg – so wichtig war mir diese Führung dann plötzlich doch wieder nicht. Ich schwitzte und hatte Durst. Nichts davon konnte ich auf angenehme Art und Weise abstellen. Es blieb also nur wieder der beengte Innenhof.

Dort spielte in den Pausen der Redaktionsgespräche ein Duo namens Georges Beaurice, welches aus einem ehemaligen Mitarbeiter und einem Noch-Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau besteht. Georges Beaurice spielten auf Ukulele und Akkordeon Songs voller Tristesse und Melancholie, sangen dazu deutsche Texte und gefielen mir ganz gut. Als Pausenfüller in einem beengten Innenhof voller Leserinnen und Leser der Frankfurter Rundschau fiel es den beiden jedoch sichtlich schwer, ihr Publikum zu finden. Vielleicht hätte an dieser Stelle irgendein 0815 Party DJ mehr den Willen der Frankfurter Rundschau unterstrichen, ein total schnafftes Jubiläumsfest zu feiern, ich weiß es doch auch nicht. Aber wenn ich von diesem Fest etwas mit nach Hause nehme, dann ist es die Musik. Dafür bin ich dankbar.

Der Altersdurchschnitt auf dem Frankfurter Rundschau Fest war übrigens überraschend hoch. Sehr hoch sogar. Diese Tatsache hat mich ein wenig überrascht. Immerhin hört man seit Jahren ständig von den vielen jungen Irgendwas-Mit-Medien-Menschen, die sich brennend für Journalismus interessieren. Darüber dachte ich einige Zeit lang nach und kam zu dem Ergebnis, dass mich das eigentlich gar nicht hätte überraschen müssen. Zum einen betreibt die Frankfurter Rundschau den FR-Altenhilfe Verein, der sich um die Versorgung und Betreuung von hilfebedürftigen älteren Bürgern kümmert. Natürlich gab es auch aus dieser Richtung genügend Grund zu feiern. So soll es sein.

Aber andererseits wirkt die Frankfurter Rundschau auf mich für jüngere Menschen insgesamt wenig interessant und irgendwie zeigte sich das auch ein Stück weit auf diesem Fest. Ganz junge Menschen hätten vor den Aufzügen im Foyer immerhin mit Malstiften auf Blöcken malen können, Life is Life, Na na na na na!

Ein paar junge Menschen habe ich dann aber doch noch gesehen. Manche als schlecht gelaunt dreinblickende Smartphone-Jugendliche, die im Schlepptau ihrer Eltern mitgeschleift wurden, wie es schien. Für sie wurde zumindest im Innenhof der Frankfurter Rundschau Redaktionsräume nichts geboten. Wäre ich noch einmal 16 und in der Berufsfindungsphase, hätte ich mich angesichts dieses Festes wahrscheinlich am meisten für den Job des Straßenbahnfahrers interessiert, der die Besucher wieder Richtung Innenstadt chauffierte.

So wirkte das Frankfurter Rundschau Fest auf mich insgesamt so, wie auf mich auch die Zeitung und die FR-Website wirken: Langweilig, spröde und in die Jahre gekommen. Die jungen Interessenten hat man offenbar schon vor langer Zeit zurückgelassen. Da helfen auch keine weiteren Apps mehr.

Den in der ersten Ausgabe der Frankfurter Rundschau eingangs angesprochenen Mangel an Papier hat die Zeitung heute natürlich nicht mehr. Papier gibt es genug. Ein Mangel ist aus meiner Sicht dennoch vorhanden. Es mangelt an all den Gründen, warum künftige Generationen noch die Frankfurter Rundschau kaufen sollten. Es mangelt an Style, es mangelt an Frische und es mangelt irgendwie auch an Relevanz.

Die musikalische Melancholie des Duos Georges Beaurice begleitete mich noch ein Stück weit nach Hause. Auf dem Weg durch die industriel geprägte Mainzer Landstraße dachte ich bei mir: jaja, die Zeiten sind hart und ungastlich. Für die Frankfurter Rundschau könnten sie in der jetzigen Verfassung noch viel härter werden. Schon wieder einmal.

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Marius Anatol

Hello, ich bin Marius Anatol aus Frankfurt am Main. Ich interessiere mich für Musik, IT, Medien, Politik und das Interweb. Du findest mich auch auf Google+, Twitter, Ello und Facebook.

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